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Frankreich hat ein Zinsproblem. Und zwar eines, das inzwischen jeden Tag teurer wird. Unser Nachbarland zahlt für neue Schulden plötzlich ähnlich viel wie früher die Krisenländer Südeuropas.
Heute erklären wir dir, warum die Lage ernst ist, aber nicht so, wie viele denken. Und wir schauen auf ein paar Aktien, die von dieser Krise ganz unterschiedlich getroffen werden. Viel Spaß beim Lesen!
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Marktlage
Frankreich zahlt jetzt Peripherie-Zinsen
Frankreich steckt nicht in einer Zahlungskrise, sondern in einer Preiskrise: Die Börse verlangt von Europas zweitgrößter Volkswirtschaft inzwischen Zinsaufschläge wie von einem Wackelkandidaten. Und diese Prämie dürfte bis zur Präsidentschaftswahl im April 2027 bleiben.
Die Zahlen sind deutlich. Aktuell rentieren zehnjährige französische Staatsanleihen bei rund 5,05 %, zehnjährige Bundesanleihen bei 3,33 %. Der Renditeabstand, Spread genannt, liegt damit bei gut 170 Basispunkten, also 1,7 Prozentpunkten. Ende Februar waren es noch rund 50. Die Marke von 5 % riss Paris am 21. Oktober erstmals seit 2002. Das bedeutet: Frankreich zahlt für frisches Geld fast so viel Risikoaufschlag wie in den schlimmsten Monaten der Eurokrise 2011.
Der Grund steckt in der Staatsbilanz. Ende Juni lagen die Schulden bei 3,596 Billionen Euro, das sind 119 % der Wirtschaftsleistung und damit rund doppelt so viel, wie der EU-Stabilitätspakt mit 60 % vorsieht. Das Defizit dürfte 2026 bei 5,4 % des Bruttoinlandsprodukts landen, geplant waren 5 Für 2027 peilt die Regierung erneut 5 % an, mit neuen Maßnahmen über 43 Milliarden Euro. Selbst wenn das gelingt, steigt die Schuldenquote auf über 121 %.
Die eigentlich spannende Mechanik läuft dabei im Hintergrund. Im Schnitt zahlt Frankreich auf seinen Schuldenberg nur gut 2 %, weil viele Anleihen aus der Nullzinsphase stammen: Vor 2022 begebene Papiere tragen im Schnitt weniger als 1,5 % Kupon. Neue Anleihen kosteten in diesem Jahr dagegen rund 3,4 %. Jedes Jahr wird ein Teil des billigen Bestands durch teure Neuschulden ersetzt, 2026 allein über ein Emissionsprogramm von 310 Milliarden Euro.
Das Ergebnis: Die Zinslast steigt von 79,2 Milliarden Euro in diesem auf 91,2 Milliarden Euro im nächsten Jahr. Das ist mehr als der Wehretat oder das Bildungsbudget, rund 250 Millionen Euro pro Tag. Gut die Hälfte der geplanten Einsparungen außerhalb der Zinsen wird damit vom Zinsanstieg wieder aufgefressen. Solange die Durchschnittsverzinsung nicht über dem nominalen Wachstum liegt, wächst die Quote nicht von allein. Dieser Puffer schmilzt jedoch: Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut Frankreich 2026 nur noch 0,4 % Wachstum zu, nach 0,9 % im Vorjahr. Die Eurozone stuft er im selben Atemzug auf 1,1 % hoch.
Glaubwürdigkeit ist in Paris derzeit knapp. Premierminister Sébastien Lecornu regiert ohne Mehrheit, den Haushalt 2026 brachte er im Februar nur mit äußerster Mühe durchs Parlament. Den Etat 2027 lehnen links wie rechts ab, die Abstimmung über den Einnahmenteil steht Anfang November an. Dazu kamen am 17. Oktober die heftigsten Krawalle seit Jahrzehnten, Ausgangssperren und ein Innenminister, der einen „Kontrollverlust“ in einigen Städten einräumte.
Über allem steht die Präsidentschaftswahl am 18. April 2027, Emmanuel Macron darf nicht mehr antreten. Marine Le Pen bleibt nach ihrem Berufungsurteil vom Juli wählbar und führt in den Umfragen. Einen Austritt aus dem Euro fordert ihr Rassemblement National seit Jahren nicht mehr, zuletzt warb sie sogar für eine Schuldenbremse per Referendum. Der Markt misstraut trotzdem den teuren Wahlversprechen von rechts wie links, zumal Linksaußen Jean-Luc Mélenchon Schulden bei der Notenbank streichen lassen will.
Die Ratingagenturen halten still, aber auf Abruf. Moody's beließ die Note am 23. Oktober überraschend bei Aa3 mit negativem Ausblick, Fitch und S&P stehen bei A+. Die Bedingung von Moody's ist klar: ein beschlossener Sparhaushalt und nachlassende Spannungen. Am 27. November prüft S&P erneut.
Auf Hilfe aus Frankfurt kann man aber wohl kaum hoffen. Das Schutzinstrument der Europäischen Zentralbank (EZB), das Transmission Protection Instrument, greift nur bei ungerechtfertigten Marktbewegungen, nicht bei hausgemachten Haushaltsrisiken. Die EZB hat den Einlagensatz im Juni und September auf 2,50 % angehoben, die Inflation in der Eurozone lag im September bei 3,8 %. Die Notenbank strafft also, während Frankreichs Zinsen steigen. Rückenwind sieht anders aus.
Und jetzt? Deutschland profitiert zunächst als sicherer Hafen. Die Rendite der Bundesanleihe fiel vom Hoch seit 2009 bei gut 3,65 % Ende September auf 3,33 %. Gleichzeitig weiten sich die Aufschläge in Belgien und Spanien aus, und der Franken gewinnt gegenüber dem Euro. Für Schweizer Anleger mit Euro-Positionen ist das ein zweiter, stiller Verlustkanal.
An der Börse scheint derweil das Urteil längst gefallen zu sein. Der CAC 40 lag bis Mitte Oktober rund 3 % im Minus, der Stoxx Europe 600 über 7 % im Plus. Französische Banken verloren seit Mitte August zwischen 19 und 25 %.
Genau hier aber könnte der Markt zu grob sortieren, sagen manche Analysten. Schließlich behandle er derzeit „französisch“ als Risikoklasse, obwohl viele Pariser Konzerne den Großteil ihres Geschäfts im Ausland machen. Laut Marktanalysen rentieren 38 % der französischen Unternehmensanleihen mit guter Bonität inzwischen niedriger als der Staat. Unterschätzt wird dagegen ein anderer Kanal: Ein klammer Staat holt sich das Geld dort, wo es liegt, nämlich bei Banken, Autobahnbetreibern und anderen Firmen mit hohen Margen im Inland. Nicht die Pleite des Staates ist vermutlich das Risiko für Aktionäre, sondern wohl eher seine Steuerpolitik.
Wie schätzt du Frankreichs Schuldenkrise für dein Depot ein?
- Übertrieben. Frankreich ist zu groß, um wirklich zu scheitern.
- Ernst, bis zur Wahl im April 2027 bleibt der Druck hoch.
- Gefährlich, die Krise springt auf Belgien und Spanien über.
- Mir egal, Frankreich-Aktien habe ich ohnehin nicht im Depot.
- Chance, global arbeitende Konzerne aus Frankreich werden zu Unrecht abgestraft.
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Aktien
Verschiedene Rollen im Pariser Zinsdrama
Wenn ein Staat ins Wanken gerät, trifft es nicht alle Aktien gleich. Ein paar interessante Werte zeigen, wie unterschiedlich die französische Schuldenfrage an der Börse wirkt: als Stigma, als Steuerrechnung, als Nebengeräusch und als Geschäft.
BNP Paribas, Frankreichs größte Bank gilt als direktester Börsenhebel auf die Staatsanleihen. Dabei ist das Engagement überschaubar: Laut Finanzvorstand hält BNP Paribas weniger als 20 Milliarden Euro an französischen Staatsschulden, bei einer Bilanzsumme von über 3 Billionen. Nur gut ein Viertel der Erträge stammt aus Frankreich.
Operativ läuft es recht gut: Im zweiten Quartal stiegen die Erträge auf 14,1 Milliarden Euro, der Nettogewinn auf 4,3 Milliarden. Die harte Kernkapitalquote, also das Eigenkapitalpolster gemessen an den Risiken, lag bei 13 % und damit 18 Monate früher am Ziel als geplant. Trotzdem fiel die Aktie vom Rekordhoch deutlich nach unten.
Das Detail jenseits der Bilanz: Investoren verlangen von französischen Banken seit Ende August rund 1,2 Prozentpunkte mehr Eigenkapitalrendite als zuvor, für den Bankensektor insgesamt nur 0,3 Punkte. Die Kreditausfallversicherung (CDS) auf BNP über fünf Jahre kostet 1,41 % pro Jahr, mehr als im europäischen Schnitt. Bestraft wird also eher der Name und weniger die konkrete Bilanz. Und das größte Risiko liegt vielleicht sowieso ganz woanders: eine Sondersteuer für Banken, über die in Paris offen spekuliert wird, und der Sudan-Prozess in den USA, für den Schätzungen von Vergleichskosten bis 10 Milliarden Dollar kursieren.
Der Baukonzern Vinci zeigt uns einmal mehr, wie die Krise in die Gewinn- und Verlustrechnung wandern kann. Artikel 22 des französischen Haushaltsentwurfs will die Abgabe auf Fernstraßen und Flughäfen für besonders profitable Betreiber von 4,6 auf bis zu 12,2 % anheben. Der Staat erhofft sich 800 Millionen Euro im Jahr, Vinci rechnet allein für sich mit rund 450 Millionen, also gut die Hälfte der gesamten Last.
Doch im Tagesgeschäft wächst Vinci längst woanders. Nach neun Monaten stieg der Umsatz um 3,1 % auf 56 Milliarden Euro, allein im dritten Quartal um 4,9 %. Das Ausland legte im Quartal um 10 % zu, Frankreich schrumpfte um 2,5 %. Der Auslandsanteil liegt nun bei 60 %, getragen von Energieservices mit 22,3 Milliarden Euro Umsatz. Die Autobahnen spüren dagegen Spritpreise und Krise: Der Pkw-Verkehr fiel um 4 %.
Auffällig ist die Kapitalallokation. Vinci kaufte bis Ende September 13,7 Millionen eigene Aktien für 1,7 Milliarden Euro, im Schnitt zu 122,50 Euro. Am 22. Oktober schloss die Aktie bei 105,95 Euro und damit 13,5 % unter dem eigenen Rückkaufpreis. Der Free Cashflow soll 2026 bis zu 6 Milliarden Euro erreichen, allerdings ausdrücklich ohne die neue Steuer gerechnet. Und genau die ist natürlich das große Risiko.
Der Elektrotechnikkonzern Schneider Electric sitzt bei Paris, verdient sein Geld aber fast überall sonst: Frankreich stand 2024 für nur rund 5,6 % des Umsatzes, Nordamerika für 40 %. Im dritten Quartal wuchs der Umsatz aus eigener Kraft um 16,9 % auf den Rekord von 11,5 Milliarden Euro, getrieben von Rechenzentren. Die Prognose stieg auf 12 bis 14 % organisches Wachstum.
Trotzdem verlor die Aktie im Oktober bislang über 20 %. Der Grund scheint hausgemacht: Am 5. Oktober kündigte Schneider die Übernahme des US-Softwarehauses PTC für 22,6 Milliarden Dollar an, die Aktie fiel an einem Tag um 10 %. Für rund 6 Milliarden Euro gab der Konzern 25 Millionen neue Aktien zu 240 Euro aus.
Das spannende Detail: Laut Finanzchef sind die Bestellungen aus dem Rechenzentrumsgeschäft in drei der vergangenen vier Quartale dreistellig gewachsen und machen rund 30 % aller Aufträge aus. Das größte Risiko bleibt sicherlich der Preis für PTC und die Abhängigkeit vom Rechenzentrumszyklus.
Wo Unsicherheit herrscht, wird abgesichert, und dafür braucht es Börsenplätze und Abwicklung. Die Deutsche Börse steigerte ihre Nettoerlöse ohne Zinsergebnis im dritten Quartal um 14 % auf rund 1,42 Milliarden Euro. Am stärksten wuchsen dabei die Zinsderivate an der Eurex mit +48 % auf 181 Millionen Euro. Der Konzern hob die Jahresprognose auf über 6,5 Milliarden Euro Nettoerlöse an.
Zinswende und Staatsanleihen-Stress zahlen doppelt ein. Die Bareinlagen der Marktteilnehmer stiegen seit Jahresende von 51,9 auf 68,7 Milliarden Euro, die Zinserträge darauf, das sogenannte Treasury-Ergebnis, wuchsen um 7 % auf 218 Millionen Euro. Das größte Risiko: Volatilität ist geliehenes Wachstum. Beruhigen sich die Märkte, normalisieren sich die Umsätze, während die Allfunds-Übernahme bis 2027 Kapital bindet. Mit einem erwarteten KGV von über 20 scheint einiges an Krisengewinn bereits eingepreist zu sein.
Merke: Frankreich geht wahrscheinlich nicht pleite, aber es wird teuer. Für den Staat und für jeden, an dessen Gewinnen sich der Staat bedienen kann. Die Börse preist derzeit vor allem die Staatsanleihen-Angst ein und bestraft „Made in France“ pauschal. Die interessantere Frage für dich lautet also: Welche Unternehmen sind dem französischen Fiskus ausgeliefert, und welche nur zufällig dort zu Hause? Bis April 2027 dürfte diese Unterscheidung wichtiger sein als jeder einzelne Basispunkt Spread.
Erstellung und Verbreitung: Dieser Beitrag wurde von einem Redakteur der Finanzen.net GmbH, Gartenstraße 67, 76135 Karlsruhe, erstellt. Wir, die Finanzen.net Zero GmbH, haben diesen Beitrag unverändert in diesem Mailing übernommen. Die Finanzen.net GmbH hat uns zugesichert, dass dieser Beitrag mit größter Sorgfalt erstellt und zuvor keinem anderen Empfängerkreis zugänglich gemacht worden ist.
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