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Du weißt, wann Du eine Aktie kaufen sollst. Aber weißt Du auch, wann Du sie nicht verkaufen solltest? Die Daten geben Auskunft – und zwar mit erschreckender Präzision.

In dieser Ausgabe dreht sich alles um eine der unterschätztesten Fähigkeiten an der Börse: Stillhalten. Wir schauen uns an, was die Wissenschaft dazu sagt, welche Gründe einen Verkauf tatsächlich rechtfertigen – und welche nicht. Viel Spaß beim Lesen.

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👉Boeing

🐰 Osterpause

Wir verabschieden uns zum 3. April in eine kurze Newsletter-Pause, um neue Investment-Ideen zu finden, spannende Unternehmen zu analysieren und ein paar Kennzahlen auf den Zahn zu fĂźhlen. Aktien zum FrĂźhstĂźck pausiert in dieser Zeit.

Am 13. April 2026 sind wir wieder für Dich da. Bis dahin wartet in unserem Archiv noch so manche Überraschung auf Dich.

Studienlage

🏆 15 Jahre in Folge schlechter als der Index: Das teure Missverständnis hyperaktiver Anleger

Stell Dir vor, Du hättest im Jahr 1970 Aktien eines Unternehmens gekauft – sagen wir, für ein paar tausend Dollar. Nichts Besonderes, kein Geheimtipp, keine Insider-Info. Einfach ein solides, bekanntes Unternehmen. 10 Jahre später erhältst Du jedes Jahr mehr Dividenden, als Du damals für die gesamte Position bezahlt hast. Weitere 20 Jahre danach ist Dein Investment ein 100-Bagger, also das Hundertfache Deines ursprünglichen Einsatzes, wert. Was war das Entscheidende? Nicht das perfekte Timing. Nicht der clevere Einstiegskurs. Sondern eine einzige, scheinbar simple Eigenschaft: Geduld. 

Thomas Phelps, einer der vielleicht klügsten Investoren des 20. Jahrhunderts, hat dieses Prinzip bereits 1972 in seinem Buch „100 to 1 in the Stock Market“ dokumentiert. Er analysierte Hunderte Aktien, die aus einem eingesetzten Dollar mindestens hundert Dollar gemacht hatten – und kam zu einem spannenden Schluss: Die wichtigste Zutat war nicht Intelligenz, kein MBA, kein Bloomberg-Terminal. Es war die Bereitschaft, eine Aktie durch jede Marktphase hindurch zu halten. Sein Credo lautet bis heute: „Buy right and hold on.“ Kaufe das Richtige, und lass es in Ruhe. Der Investor Chris Mayer hat diese Arbeit 2015 für das digitale Zeitalter aktualisiert und eine Datenbank mit 365 US-Aktien aus dem Zeitraum 1962 bis 2014 ausgewertet, alle mit einem Mindest-Börsenwert (Market Cap) von 50 Millionen Dollar. Das Ergebnis: Die Muster sind verblüffend konsistent.

Das Problem ist nur: Unser Gehirn ist ein miserabler Investor. Das zeigt die berühmte Studie des US-Ökonomen Terrance Odean aus dem Jahr 1998. Odean analysierte 10.000 Depots eines US-amerikanischen Brokers über den Zeitraum von 1987 bis 1993 und fand etwas Erschreckendes. Anleger verkauften ihre Gewinner 50 % häufiger als ihre Verlierer. Was nach Vorsicht klingt, war in Wirklichkeit ein verheerender Fehler: Die verkauften Gewinneraktien erzielten in den folgenden 12 Monaten eine um 3,4 Prozentpunkte höhere Rendite als jene Verlustpositionen, an denen die Anleger krampfhaft festhielten. Mit anderen Worten: Sie entsorgten systematisch die Perlen und horteten den Schrott.

Dieses Phänomen hat sogar einen Namen: den Dispositionseffekt (die Tendenz, Gewinne zu früh zu realisieren und Verluste zu lange zu halten). Die Verhaltensökonomie, das Forschungsfeld, das menschliches Entscheidungsverhalten an Märkten untersucht, erklärt ihn mit einem noch grundlegenderen Mechanismus: Verluste werden psychologisch doppelt so stark empfunden wie gleichhohe Gewinne. Das heißt: Ein Kursverlust von 1.000 Euro schmerzt stärker, als ein Kursgewinn von 1.000 Euro Freude bereitet. Diese kognitive Verzerrung lässt uns überreagieren und oft zum falschen Zeitpunkt handeln.

Wie teuer das über einen langen Zeitraum wird, zeigt die jährliche DALBAR-Studie, der wohl wichtigste Verhaltensreport für Privatanleger. Die Ausgabe von März 2025 ist ein kleines Horrorprogramm für alle, die glauben, aktives Reagieren auf Marktnachrichten mache sie besser. Im Jahr 2024 erzielte der durchschnittliche Aktieninvestor eine Rendite von 16,54 %. Klingt ordentlich, oder? Der 👉S&P 500 (der bekannteste amerikanische Leitindex, der die 500 größten US-Unternehmen abbildet) legte dagegen um 25,02 % zu. Das ergibt eine Lücke von 848 Basispunkten, also 8,48 Prozentpunkten. Und das in einem Bullenmarkt. Noch beunruhigender: Anleger haben den S&P 500 damit bereits 15 Jahre in Folge underperformt. Das letzte Mal, dass der durchschnittliche Investor besser war als der Index, war 2009.

Was steckt dahinter? Die DALBAR-Forscher beschreiben es so: Wer mehr Aufwand betrieb, erzielte weniger Ertrag. Besonders schmerzhaft war die Timing-Schwäche im dritten Quartal 2024: Anleger zogen ausgerechnet in diesem Quartal das meiste Geld aus Aktienfonds ab – kurz bevor eine kräftige Rally einsetzte. Der klassische Fehler: Aussteigen bei schlechten Nachrichten, einsteigen, wenn alles gut läuft. 

Die Morningstar-Studie „Mind the Gap“ (Betrachtungszeitraum 2018 bis 2023) bestätigt dieses Muster auf Fondsebene: Anleger investieren typischerweise erst dann, wenn die Kurse bereits deutlich gestiegen sind, und steigen aus, wenn es ungemütlich wird. Die Konsequenz: Die tatsächlich erzielte Rendite liegt systematisch unter der Rendite des Fonds selbst, den sie halten.

Phelps hatte für diese menschliche Schwäche eine klare Diagnose: Jeder Verkauf ist ein Geständnis. Ein Geständnis, dass man entweder beim Kauf einen Fehler gemacht hat, oder beim Halten. Wer die richtige Aktie eines exzellenten Unternehmens hält, hat schlicht keinen Grund zu verkaufen. Wer eine Position nach sechs Monaten mit 20 % Plus abstoßen will, sollte sich fragen: Was weiß ich jetzt, was ich damals nicht wusste? Wenn die Antwort „nichts“ lautet, dann ist Verkaufen keine Strategie. Es ist reine Nervosität.

Das Gedankenexperiment, das diesen Ansatz am elegantesten verkörpert, ist das sogenannte Kaffeedosen-Portfolio. Die Idee stammt vom Investmentmanager Robert Kirby, der sie 1984 in einem Paper im „Journal of Portfolio Management“ beschrieb. Das Konzept ist denkbar simpel: Du kaufst die besten Unternehmen, die Du findest, steckst die Aktien sprichwörtlich in eine Kaffeedose, vergräbst sie unter der Matratze und schaust erst 10 Jahre später nach. Keine Reaktionen auf Quartalszahlen, kein Rebalancing (also kein regelmäßiges Umschichten), kein Markt-Timing.

Der Corporate Leaders Trust Fund aus dem Hause 👉Voya Financial, der 1935 Aktien von 30 führenden US-Unternehmen kaufte und seitdem keine einzige neue Position hinzufügte, schlug den S&P 500 über 5 und 10 Jahre.

Praxis

🚦 4 Gründe, eine Aktie zu verkaufen – und keiner davon ist der Kurs

Wenn das Verkaufen also so schädlich ist: Wann solltest Du es trotzdem tun? Die gute Nachricht: Es gibt valide Grßnde. Die schlechte Nachricht: Die meisten davon klingen nicht so dramatisch, wie viele Anleger es erwarten wßrden. Keine Rezessionsangst, kein gefallener Quartalsbericht, kein schlechter Analystenbericht. Die Wissenschaft kennt genau 4 legitime AuslÜser.

Erstens: Die Investment-These ist zerbrochen. Jeder Kauf basiert auf einer Annahme, einer Art Geschäftsmodell-Hypothese. Wenn Du 👉Boeing 1970 gekauft hättest, wäre Deine These vielleicht gewesen: Das Unternehmen ist der dominante Flugzeughersteller der Welt, mit einem riesigen Auftragsbestand und Preismacht. Solange diese These gilt, gibt es keinen Grund zu verkaufen. Wenn aber ein neuer Wettbewerber das Kerngeschäft zerstört, das Management fundamental die Strategie verfehlt oder eine technologische Disruption das Geschäftsmodell obsolet macht, dann ist die These gebrochen. Dann ist Verkaufen nicht nur legitim, sondern geboten. 

Zweitens: Extreme Überbewertung ohne entsprechendes Wachstum. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist das einfachste Bewertungsmaß: Es gibt an, welchen Faktor auf den Jahresgewinn man für eine Aktie zahlt. Ein KGV von 30 bedeutet, dass man 30 Jahresgewinne auf einmal bezahlt. Das klingt viel und kann es auch sein. Aber entscheidend ist der Kontext: Ein Unternehmen, das seinen Gewinn jährlich um 40 % steigert, rechtfertigt ein hohes KGV, weil es diesen Multiplikator in wenigen Jahren durch Wachstum herunterkomprimiert. Anders ist es, wenn eine Aktie mehrere Standardabweichungen über ihrer historischen Bewertung handelt und das Gewinnwachstum ins Stocken geraten ist. Chris Mayer zitiert dazu eine Beobachtung: Nicht das hohe KGV ist das Problem, sondern das hohe KGV ohne Wachstum. Wer das verwechselt, verkauft seinen 👉Monster Beverage-Treffer vielleicht  schon im Jahr 2004 und verpasst das 100-Fache.

Drittens: Eine deutlich bessere Alternative für dein Kapital. Kapital ist endlich. Wenn eine Position seit Jahren seitwärts läuft, die Investment-These zwar noch intakt ist, aber ein anderes Unternehmen mit deutlich höherer Wachstumsdynamik und günstigerer Bewertung vor Dir liegt, dann ist ein Tausch rational. Wichtig ist das Wörtchen „deutlich“: Ein marginaler Vorteil rechtfertigt keinen Wechsel, denn Du verlierst beim Verkauf Zeit, zahlst möglicherweise Kapitalertragsteuer und riskierst, den richtigen Einstiegspunkt in die neue Position zu verpassen. Aber wenn die risikoadjustierte Renditeerwartung (also die erwartete Rendite im Verhältnis zum eingegangenen Risiko) substanziell besser ist, gehört Umschichten zum Portfoliomanagement.

Viertens: persönliche Lebensumstände. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wer in 5 Jahren ein Haus kaufen möchte, sollte das entsprechende Kapital nicht in einer volatilen Wachstumsaktie parken. Wer eine Erbschaft investiert hat, die er eigentlich nicht braucht, und nun plötzlich doch Liquidität benötigt, handelt rational bei einem Verkauf. Phelps selbst hätte dem nicht widersprochen: Sein Credo bezog sich auf Anleger, die investieren, was sie nicht kurzfristig brauchen. Wer das Kapital morgen braucht, sollte es nicht heute in Aktien halten – unabhängig davon, wie überzeugend die Investment-These ist.

Phelps fasste es so zusammen: Es braucht Vision, Mut und vor allem Geduld. Vision, um das Potenzial eines Unternehmens frühzeitig zu erkennen. Mut, es zu kaufen und zu halten, wenn andere zweifeln. Und Geduld, um die Zeit wirken zu lassen, die der stärkste Hebel an der Börse ist. Nicht das Timing ist der Faktor, der Vermögen aufbaut. Es ist die Weigerung, beim falschen Zeitpunkt das Falsche zu tun. Oder wie er selbst schrieb: „Die Vermögen entstehen durch zusammengebissene Zähne.“

Erstellung und Verbreitung: Dieser Beitrag wurde von einem Redakteur der Finanzen.net GmbH, Gartenstraße 67, 76135 Karlsruhe, erstellt. Wir, die Finanzen.net Zero GmbH, haben diesen Beitrag unverändert in diesem Mailing übernommen. Die Finanzen.net GmbH hat uns zugesichert, dass dieser Beitrag mit größter Sorgfalt erstellt und zuvor keinem anderen Empfängerkreis zugänglich gemacht worden ist.

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