Guten Morgen {{vorname}},
stell dir vor, jemand geht jeden Monat deine Kontoauszüge durch. Er findet das vergessene Abo, den zu teuren Tarif und den Vertrag, den du längst kündigen wolltest. Solvch ein Helfer ist gerade gestartet. An der Börse hat er in wenigen Tagen für mächtig Unruhe gesorgt. Denn viele Unternehmen verdienen prächtig daran, dass wir bequem sind. Wir bleiben, weil Wechseln lästig ist.
Heute schauen wir uns an, welche Aktien dieser neue und schon sehr beliebte KI-Agent treffen könnte und ob die Sorge wirklich berechtigt ist. Viel Spaß beim Lesen!
tl;dr
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Neuer KI-Agent
💤 Die Faulheitsprämie wackelt
Am 8. September hat Meta seinen neuen KI-Agenten Muse gestartet. Und er ist mehr als ein Chatbot: Er beantwortet nicht nur Fragen, sondern erledigt Aufgaben selbstständig. Muse schreibt E-Mails, bucht Reisen, füllt Formulare aus, verhandelt Rechnungen nach, spürt laufende Abos auf und kündigt sie auf Wunsch. Verfügbar ist der Dienst bislang nur in den USA und nur für Erwachsene, per App, im Browser und über WhatsApp. Es gibt eine Gratisversion sowie Bezahlstufen für 20 und 100 US-Dollar im Monat.
Der Start fiel wuchtig aus. Laut dem Marktforscher Sensor Tower kam die App in den ersten 13 Tagen auf mehr als 2,5 Millionen Downloads und verdrängte ChatGPT von Platz 1 der Gratis-Apps in Apples US-Store. Nach elf Tagen nutzten sie rund 557.000 Menschen täglich, am 19. September kamen an einem einzigen Tag 264.000 US-Downloads hinzu. Die Meta-Aktie sprang am bereits kräftig nach oben. Seit dem Start von Muse liegt das Papier rund ein Fünftel im Plus, während der S&P 500 praktisch auf der Stelle trat.
Am vergangenen Dienstag zeigte sich dann die Kehrseite. Der Finanzsektor im S&P 500 verlor knapp 2 % und schloss auf dem tiefsten Stand seit Juli, obwohl der Gesamtmarkt kaum reagierte. Der Broker Charles Schwab gab 6,1 % nach, der Finanzvertrieb LPL Financial 7,5 %, der Versicherer Allstate 5,5 %. Die Fitnesskette Planet Fitness brach zeitweise um 11 % ein, die Reiseportale Expedia und Booking verloren bis zu 4 %, der Software-Anbieter Intuit knapp 5. In Europa rutschten die Telekomkonzerne Orange und BT um jeweils rund 4 % ab.
Hinter diesem Abverkauf steckt ein Begriff, den Goldman Sachs geprägt hat: Consumer Inertia, also Konsumententrägheit. Gemeint ist die Neigung, aus Gewohnheit weiterzuzahlen, obwohl es bessere oder günstigere Alternativen gäbe. Der Handelsdesk der US-Bank führt dazu einen Aktienkorb. Darin liegen AT&T, T-Mobile US, Allstate, Progressive, Netflix, Paramount Skydance, Expedia und Booking. Besonders im Blick behalten solle man Telekommunikation, Versicherungen und Versorger, also überall dort, wo wiederkehrende Rechnungen, verhandelbare Preise und Zusatzleistungen den Umsatz tragen. Dieser Korb fiel am Dienstag um 2,6 %, so stark wie seit Februar nicht mehr, und hat binnen sechs Handelstagen mehr als 7 % verloren.
Wie viel Geld in dieser Trägheit steckt, haben die Ökonomen Stefano DellaVigna und Ulrike Malmendier gemessen. Sie werteten die Daten von 7.752 Mitgliedern dreier US-Fitnessstudios aus. Wer einen Monatsvertrag für mehr als 70 Dollar abschloss, trainierte im Schnitt 4,3-mal pro Monat und zahlte damit über 17 Dollar pro Besuch, obwohl eine Zehnerkarte zehn Dollar pro Besuch gekostet hätte. Über die gesamte Mitgliedschaft verschenkten diese Kunden durchschnittlich 600 Dollar. Zwischen dem letzten Training und der Kündigung vergingen im Schnitt gut zwei volle Monate.
Bei anderen Abos sieht es kaum besser aus. In einer Umfrage des Marktforschers C+R Research schätzten US-Verbraucher ihre monatlichen Abokosten auf 86 Dollar, tatsächlich zahlten sie 219 Dollar, also das Zweieinhalbfache. 42 % räumten ein, für ein vergessenes Abo weiterzuzahlen. Genau diese Lücke kann der Meta-KI-Agent schließen, der Abbuchungen durchforstet und Kündigungen selbst verschickt. Deshalb lohnt auch der Blick darauf, wie manche Konzerne zuletzt gewachsen sind.
Planet Fitness steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 7,1 % auf 365,2 Millionen Dollar, doch trotz 23 neuer Studios blieb die Mitgliederzahl bei rund 21,5 Millionen stehen. Die flächenbereinigten Erlöse, also der Umsatz nur der bereits bestehenden Studios, legten um 1,7 % zu, laut Management ausschließlich über den Preis. Eine geplante Erhöhung für die Premium-Mitgliedschaft Black Card liegt vorerst auf Eis.
Die New York Times hob den Preis ihres Digital-Bundles für langjährige Abonnenten von 25 auf 30 Dollar an. Der Durchschnittserlös pro Digitalkunde stieg dadurch um 3,1 % auf 9,94 Dollar. Netflix wiederum wächst seit Jahren auch über regelmäßige Preiserhöhungen und peilt für 2026 einen Umsatz von bis zu 51,4 Milliarden Dollar an.
Verwerflich ist das nicht, aber es macht verwundbar. Aufschläge bei Bestandskunden funktionieren am besten, wenn niemand genau hinschaut. Ein Agent schaut dagegen immer hin: Er vergleicht die Versicherungsprämie vor der Verlängerung, prüft, ob das Studio überhaupt noch genutzt wird, und fragt beim Mobilfunker nach dem Neukundenrabatt. Beim Versicherer Allstate lässt sich die Fallhöhe ziemlich genau beziffern. Der Konzern verdiente im zweiten Quartal bereinigt 2,3 Milliarden Dollar, die Eigenkapitalrendite, also der Gewinn im Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital, lag über zwölf Monate bei 44,2 %. Die Jahresprämie pro Autopolice kletterte seit 2021 von rund 1.050 auf 1.486 Dollar.
Und wie schnell Anleger umschichten können, hast du ja bereits im letzten Frühjahr erlebt. Damals rauschten Software-Aktien in die Tiefe, nachdem Anthropic agentenfähige Werkzeuge für Büros vorgestellt hatte. Jetzt wandert dieselbe Sorge vom Schreibtisch in die Freizeit. Ob sie berechtigt ist, entscheidet sich an drei Fragen: Kommt der Agent überhaupt an die Kundenkonten? Vertrauen ihm die Nutzer ihre Daten an? Und wer kassiert am Ende an den Transaktionen? Darum geht es gleich.
Chancen und Risiken
⚖️ Trägheit ist kein Naturgesetz
Die erste Hürde heißt Zugang. Amazon sperrte Muse am Abend des 20. September von seinem Marktplatz. Die Begründung: Der Agent habe sich beim Surfen nicht als Software zu erkennen gegeben und offenbar Zugangsdaten von Kunden gespeichert. Meta widerspricht und betont, Muse sehe weder Passwörter noch Zahlungsdaten. Doch es geht nicht nur ums Prinzip. Amazon setzte im vergangenen Jahr mehr als 68 Milliarden Dollar mit Werbung um. Das ist Geld, das nur fließt, solange Menschen durch Produktseiten scrollen. Ein Agent, der direkt bestellt, sieht keine Anzeigen. Pikant: Im Januar 2026 beschwerten sich mehr als 180 Händler, Amazons eigener Einkaufsagent „Buy for Me“ habe ihre Waren ohne Zustimmung gelistet.
Shopify ging den umgekehrten Weg. Der Anbieter von Onlineshop-Software öffnet sämtliche Händlershops für Muse, bezahlt wird über den hauseigenen Schnellkauf Shop Pay. Die Aktie stieg am 21. September um 7,3 % auf 137,92 Dollar. Das zeigt einen Punkt, den viele noch übersehen: Agenten senken nicht nur die Hürde fürs Kündigen, sondern auch fürs Kaufen. Ein US-Vermögensverwalter formulierte es so: Wenn ein Agent den Kunden mit weniger Aufwand vom Wunsch zur Transaktion bringe, könne das „ein spürbarer Rückenwind“ für jene sein, die diese Nachfrage auffangen.
Die zweite Hürde heißt Vertrauen. Muse will Zugriff auf E-Mails, Kalender, Zahlungen und weitere Konten. Kurz nach dem Start machte ein Sicherheitsforscher bereits eine Schwachstelle öffentlich, einen verschlüsselten Modus will Meta erst bis Dezember nachliefern. Selbst an der Wall Street gibt es Vorbehalte. Ein früherer Spitzenbanker sagte öffentlich, er fühle sich nicht wohl dabei, seine persönlichen Daten herzugeben. Wer einem Konzern, der mit Werbung Geld verdient, das eigene Postfach öffnen soll, zögert eben.
Die dritte Frage lautet: Was passiert, wenn Trägheit tatsächlich wegfällt? Dazu gibt es schon ein paar Erfahrungen. Die britische Finanzaufsicht FCA verbot zum 1. Januar 2022 das Price Walking bei Kfz- und Hausratversicherungen, also die Praxis, treuen Kunden bei jeder Verlängerung mehr zu berechnen als Neukunden. Allein 2018 hatten 6 Millionen Bestandskunden rund 1,2 Milliarden Pfund zu viel gezahlt, wer 15 bis 20 Jahre treu blieb, lag teils 75 % über dem Neukundenpreis. Die Aufsicht rechnete mit 4,2 Milliarden Pfund Ersparnis über zehn Jahre. Die Branche ging daran nicht zugrunde. Die Aufsicht rechnete selbst damit, dass dafür die Lockangebote für Neukunden verschwinden. Das Geld wurde also eher umverteilt als vernichtet.
Wie zäh Gewohnheit selbst bei bester Vergleichbarkeit bleibt, zeigt der Strommarkt hierzulande. Deutschlands Haushalte konnten 2024 im Schnitt zwischen 139 Anbietern wählen, Vergleichsportale gibt es seit fast zwei Jahrzehnten. Trotzdem entfielen noch rund 22 % der Haushaltsstrommenge auf die meist teurere Grundversorgung. Zugleich wechselten 2024 rund 7,1 Millionen Stromkunden den Anbieter, ein Rekord bei einer Quote von etwa 14 %. Bessere Werkzeuge verändern Verhalten also, aber eben schrittweise, nicht fix über Nacht.
Regulierer drehen am selben Rad. In den USA kippte ein Berufungsgericht im Juli 2025 die „Click-to-Cancel“-Regel der Handelsbehörde FTC aus formalen Gründen, im März 2026 startete die Behörde einen neuen Anlauf. Amazon zahlte 2025 bereits 2,5 Milliarden Dollar, um Vorwürfe rund um schwer kündbare Prime-Mitgliedschaften beizulegen. In Deutschland ist der Kündigungsbutton auf Websites seit Juli 2022 Pflicht. Für die betroffenen Konzerne ist Muse daher eher Beschleuniger als Auslöser.
Wohin die Debatte als Nächstes wandert, deutet ein US-Research-Haus an, das schon im Februar mit seinem Bericht Liefer-, Zahlungs- und Software-Aktien unter Druck gesetzt hatte. Es fragt, wie viel Geld Krankenversicherer allein deshalb verdienen, weil niemand fünf Stunden in der Warteschleife hängen will, um eine Kostenübernahme durchzusetzen. Und wer gewinnt? Meta hat eine klare Vorstellung. Der neuen Dienst Muse soll eine gewisse Zeit kostenlos bleiben, später will Meta eine kleine Gebühr auf Transaktionen erheben. Analysten sehen solche Agenten deshalb als künftige Mautstellen des Konsums. Cantor Fitzgerald hob das Kursziel für Meta von 680 auf 860 Dollar, KeyBanc von 780 auf 900 Dollar.
Der Einsatz dafür ist gewaltig. Meta investiert 2026 zwischen 130 und 145 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren und Server. Im zweiten Quartal blieb vom operativen Cashflow, also dem Geldzufluss aus dem laufenden Geschäft, in Höhe von 31,9 Milliarden Dollar nach Investitionen nur ein Free Cashflow von 784 Millionen Dollar übrig. Eigene Aktien kaufte Meta in diesem Quartal gar nicht zurück.
Muse muss also nicht nur beliebt sein, sondern diese Summen wieder einspielen. Und die Konkurrenz schläft nicht: Das Start-up Instinct hat 350 Millionen Dollar eingesammelt und verhandelt Berichten zufolge über eine Bewertung von 10 Milliarden Dollar.
Was heißt das nun für dich? Pauschal alle „Trägheitsaktien“ abzustoßen, wäre zu grob. Entscheidend ist, woher das Wachstum kommt. Die New York Times gewann etwa binnen eines Jahres 1,5 Millionen Digitalabonnenten hinzu, Allstate baut seinen Policenbestand aus, obwohl nach Aussage des Managements viele Kunden gerade Angebote vergleichen. Anfälliger ist, wessen Plus fast nur aus Aufschlägen bei stillen Bestandskunden stammt. Prüfe deine Investments deshalb anhand einer schlichten Frage: Würden die Kunden dieses Unternehmens auch dann bleiben, wenn jedes Jahr jemand für sie nachrechnet?
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