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Hand aufs Herz: Wann hast du zuletzt ausgerechnet, wie viel du im Ruhestand ausgeben darfst? Die meisten von uns sparen jahrzehntelang eifrig. Über das Ausgeben denken dann aber erstaunlich wenige nach. Dabei entscheidet genau diese Frage, ob du dein Rentnerleben genießt oder es dir unnötig schwer machst. Und die Antwort überrascht: Zu viel Sicherheit kann dich richtig viel Geld kosten.
Heute erfährst du, warum Profis beim Ruhestand gar keine 1 mit Sternchen wollen. Außerdem zeigen wir dir, welche Stellschrauben du selbst in der Hand hast, wenn die Börse mal nicht mitspielt.
Rentenplanung
🎯 Warum eine 2+ beim Ruhestand besser sein kann als eine glatte 1
Stell dir vor, du spielst deinen Ruhestand nicht einmal durch, sondern 1.000 Mal. Mal crasht die Börse im ersten Rentenjahr, mal zieht die Inflation an, mal läuft alles rund. Genau das macht eine Monte-Carlo-Simulation, also ein Rechenverfahren, das mit Zufallszahlen tausende mögliche Zukünfte durchspielt. Am Ende steht eine einzige Zahl: der Anteil der Durchläufe, in denen dein Geld bis zum Schluss reicht.
Der Name klingt nach Roulette, die Herkunft ist deutlich ernster. Der Mathematiker Stanislaw Ulam kam 1946 in Los Alamos auf die Idee, als er beim Patiencelegen grübelte, wie oft eine Runde aufgeht. Sein Kollege Nicholas Metropolis gab dem geheimen Verfahren den Codenamen „Monte Carlo", eine Anspielung auf Ulams Onkel, der sich regelmäßig Geld für das Casino in Monaco lieh. Berechnet wurden damit zuerst Neutronenbahnen für die Wasserstoffbombe, heute sind es Entnahmepläne.
Die Ergebniszahl heißt Erfolgswahrscheinlichkeit. 65 % bedeuten: In rund zwei von drei simulierten Zukünften reicht das Depot. Das klingt nach Schulnote, und genau da beginnt das Missverständnis. Viele Anleger wollen instinktiv die Eins mit Sternchen, also 99 oder 100 %. US-Finanzplaner raten dagegen meist zu etwa 85 %, einer soliden 2+. Warum? Weil 100 % nicht „sicher" bedeutet, sondern „zu vorsichtig". Ein Plan, der in jeder denkbaren Zukunft aufgeht, hätte in fast allen Zukünften mehr ausgeben können. Ein bekannter Experte auf diesem Gebiet bringt es auf eine einfache Formel: Eine Erfolgsquote von 100 % ist zugleich eine hundertprozentige Garantie, zu wenig ausgegeben zu haben.
Hilfreich ist dabei ein Perspektivwechsel. Ein „Fehlschlag“ in der Simulation heißt nicht, dass du mit 80 plötzlich pleite sein wirst. Er heißt nur, dass das Geld nicht reichen würde, wenn du stur am Plan festhältst und nie reagierst. In der Praxis reagiert aber jeder: Du verschiebst die Fernreise, fährst das Auto ein paar Jahre länger oder lässt die neue Küche aus. Amerikanische Finanzplaner schlagen deshalb vor, statt von Erfolg und Misserfolg lieber von der Wahrscheinlichkeit eines Überschusses und der Wahrscheinlichkeit einer Anpassung zu sprechen. Das trifft die Realität deutlich besser.
Wie groß der Unterschied ist, zeigt eine Beispielrechnung: 500.000 Euro Depot, 60 % Aktien und 40 % Anleihen, 25 Jahre Laufzeit, 2,5 % Inflation pro Jahr, 20.000 Zufallsdurchläufe, vereinfacht und vor Steuern. Wer 99 % will, darf im ersten Jahr rund 12.600 Euro entnehmen, also gut 1.050 Euro im Monat. Bei 85 % sind es rund 19.300 Euro oder gut 1.600 Euro im Monat, mehr als die Hälfte zusätzlich. Der Preis der Extra-Sicherheit: Im mittleren 99-%-Szenario liegen nach 25 Jahren noch rund 840.000 Euro im Depot, kaufkraftbereinigt knapp 450.000 Euro. Du hättest fast dein komplettes Startkapital vererbt, statt es zu leben.
All das ist keine graue Theorie. Das US-Forschungsinstitut EBRI hat Rentnerhaushalte über Jahrzehnte begleitet: Wer mit mindestens 500.000 Dollar in den Ruhestand ging, hatte nach knapp 20 Jahren im Mittel nur 11,8 % seines Vermögens verbraucht. Rund ein Drittel aller untersuchten Rentner besaß nach 18 Jahren sogar mehr als zu Beginn. Fachleute sprechen vom Entsparparadox: Man spart ein Leben lang auf den Ruhestand hin und traut sich dann nicht, das Geld auszugeben.
Auch die berühmte 4-%-Regel ist im Kern ein Worst-Case-Wert. Sie besagt: Entnimm im ersten Jahr 4 % deines Depots und passe den Betrag danach jährlich an die Inflation an. Ihr Erfinder hat sie aus dem ungünstigsten historischen Startzeitpunkt abgeleitet, einem Ruhestand ab Oktober 1968, gefolgt von Bärenmarkt und zweistelliger Inflation. 2025 hat er den Wert mit breiter gestreuten Depots auf 4,7 % angehoben. Im Schnitt der vergangenen 100 Jahre wären sogar rund 7 % möglich gewesen. Morningstar kommt für Rentenstarter 2026 mit vorsichtigeren Zukunftsannahmen auf 3,9 % bei 90 % Erfolgsquote und auf bis zu 5,7 %, wenn du bereit bist, deine Ausgaben flexibel anzupassen.
Hier in Deutschland kommt ein wichtiger Vorteil hinzu, nämlich die gesetzliche Rente als Sockel. Zum 1. Juli 2026 stieg sie um 4,24 %, die Standardrente nach 45 Jahren Durchschnittsverdienst liegt seitdem bei 1.913,40 Euro brutto im Monat. Das Rentenniveau ist bis 2031 bei 48 % festgeschrieben. Laut Vorsorgekompass 2026 der Wirtschaftshochschule WHU decken die gesetzlichen Versorgungssysteme rund 60 % der Ausgaben eines Rentnerhaushalts. Durchschnittlich 3.148 Euro Ausgaben stehen 2.988 Euro laufenden Einnahmen gegenüber. Dein Depot muss also nicht dein ganzes Leben finanzieren, sondern eben nur diese Lücke.
Und diese Lücke hat ein absehbares Ende. Eine heute 65-jährige Frau hat laut aktueller Sterbetafel 2023/2025 im Schnitt noch 21,1 Jahre vor sich, ein gleichaltriger Mann 18 Jahre. Das sind Mittelwerte: Die Hälfte lebt länger, und genau dafür braucht es Reserven. Aber eben nicht für jede denkbare Katastrophe auf einmal, sondern mit Augenmaß. Die 2+ bedeutet also nicht, dass du in jeder siebten Zukunft mit leerem Konto dastehst. Sie bedeutet: In rund 15 % der Fälle musst du irgendwann nachsteuern, etwa indem du ein Jahr lang weniger entnimmst. Wie das konkret gehen kann und warum gerade jetzt der Zeitpunkt deines Rentenstarts so viel Gewicht hat, liest du gleich.
Welche Erfolgsquote würdest du für deinen Ruhestand anpeilen?
Hebel
🧭 Die 15 %, die du selbst steuern kannst
Die Durchschnittsrendite verrät natürlich wenig darüber, ob dein Geld reichen wird. Entscheidend ist die Reihenfolge der Renditen, Fachleute sprechen vom Sequenzrisiko. Eine einfache Beispielrechnung macht das greifbar: 500.000 Euro Depot, jedes Jahr 25.000 Euro Entnahme, 25 Jahre lang exakt dieselben Renditen. Drei Verlustjahre mit -20, -15 und -10 %, danach 22 Jahre mit je +8 %. Kommen die Verluste am Anfang, ist das Depot im 21. Jahr leer. Kommen dieselben Verluste am Ende, bleiben knapp 695.000 Euro übrig. Gleiche Zahlen, aber eben ein völlig anderer Lebensabend.
Was alles möglich ist, hat bereits der DAX gezeigt. Vom Rekord bei 8.136 Punkten im März 2000 fiel er bis März 2003 um 72,7 %. Wer damals in Rente ging und gleichzeitig entnahm, verkaufte seine Aktien in den Keller hinein. Die Lage heute ist nicht identisch, doch die Bewertungen sind hoch: Das Shiller-KGV des S&P 500, also der Kurs geteilt durch den inflationsbereinigten Zehnjahresschnitt der Gewinne, lag im September 2026 bei rund 41. Den Rekord von 44,2 gab es nur in der Dotcom-Blase. Ein hohes Shiller-KGV sagt keinen Crash voraus, deutet aber auf eher magere Renditen im kommenden Jahrzehnt hin.
Die gute Nachricht: Du hast mehrere Hebel, und der stärkste von ihnen ist die Ausgabenseite. Wer in schwachen Börsenjahren 5 bis 10 % weniger entnimmt, entlastet das Depot genau dann, wenn es am meisten wehtut. Sogenannte Leitplanken-Regeln, im Fachjargon Guardrails, legen schon vorab fest, ab welchem Depotstand du kürzt und ab welchem du dir eine Erhöhung gönnst. Ein Beispiel: Fällt das Depot unter 80 % seines Startwerts, sinkt die Entnahme um 10 %, steigt es über 120 %, darf die Entnahme um 10 % steigen. So entscheidest du in Ruhe statt in Panik. Laut Morningstar hebt diese Flexibilität die mögliche Startentnahme von 3,9 auf bis zu 5,7 %.
Hebel zwei ist Arbeit. Wer ein Jahr länger arbeitet, zahlt länger ein und muss ein Jahr weniger entnehmen. Hebel drei ist die Aufteilung deines Depots in Töpfe. Ein Geldpuffer für ein bis drei Jahresentnahmen, etwa in einem Geldmarkt-ETF, verhindert Notverkäufe im Crash. Ein Anleihenbaustein dämpft die Schwankungen. Den Renditemotor bildet ein breit streuender Aktien-ETF. Die amerikanische Idee, im Notfall einfach das Eigenheim zu beleihen, taugt hierzulande kaum: Umkehrhypotheken und Teilverkäufe sind in Deutschland selten und meist teuer.
Hebel vier sind die Steuern. In Deutschland gilt auf Kapitalerträge die Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag, zusammen 26,375 Prozent. Bis 1.000 Euro Erträge im Jahr, bei Verheirateten 2.000 Euro, bleiben über den Sparerpauschbetrag steuerfrei. Bei Aktien-ETFs sind zusätzlich 30 % der Erträge steuerfrei, die sogenannte Teilfreistellung. Dazu kommt die Vorabpauschale, eine jährliche Mindestbesteuerung für Fonds, die ihre Erträge nicht ausschütten. Ihr Basiszins liegt für 2026 bei 3,20 %, so hoch wie nie seit Einführung. Wer geschickt entnimmt, verteilt Gewinne über viele Jahre und schöpft die Freibeträge jedes Jahr aus.
Ebenso wichtig sind realistische Eingaben. Die Inflation lag im August 2026 bei 2,9 %, Energie verteuerte sich binnen Jahresfrist um 10,5 %. Wer pauschal mit 2 % rechnet, schönt sein Ergebnis. Und ab 2027 kommt eine neue Frage hinzu. Das Altersvorsorgedepot löst Riester ab, die Auszahlung beginnt zwischen 65 und 70 Jahren. Wählst du den Auszahlplan, muss er mindestens bis zum 85. Lebensjahr laufen, eine spätere Pflicht zur Verrentung gibt es nicht. Weil eine heute 65-jährige Frau im Schnitt über 86 Jahre alt wird, bleibt das Langlebigkeitsrisiko dann bei dir. Eine Teilverrentung, also die Umwandlung eines Teils des Kapitals in eine lebenslange Rente, kann diese Lücke schließen.
Also: Eine Erfolgsquote ist kein Urteil, sondern viel eher ein Kompass. Plane mit rund 85 %, lege vorher fest, wann du bremst und wann du Gas gibst, und prüfe den Plan einmal im Jahr. Dann bedeutet die 2+ bei Monte Carlo kein zusätzliches Risiko, sondern mehr Lebensqualität, und dein Depot kann zum cleveren Werkzeug werden statt zum Tresor.
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