Guten Morgen {{vorname}},

Politik bewegt die Gemüter. Beim Abendessen, in den Nachrichten, im Freundeskreis. Und oft auch beim Blick ins Depot. Genau darum geht es heute. Wir schauen uns an, was Forscher über Anleger herausgefunden haben, die mit politischer Brille an der Börse handeln. Das Ergebnis hat uns selbst überrascht.

Dazu stellen wir dir ein paar Aktien vor, an denen sich das Thema besonders gut zeigen lässt. Viel Freude beim Lesen und einen guten Start in den Tag!

Aus finanzen.net zero wird Finanzen invest

Seit dem Wochenende heißt dein Broker Finanzen invest. Login, Depot, Sparpläne und Konditionen bleiben, wie du sie kennst. Auch „Aktien zum Frühstück“ kommt weiter zu dir, im Absender steht jetzt „Aktien zum Frühstück, Finanzen invest“. Vorab ein Hinweis: Ab dem 10. November macht dieser Newsletter ein paar Wochen Pause. Am 7. Dezember geht es dann weiter.

Psychologie

Deine politische Überzeugung liefert eher schlechte Börsenprognosen

Anleger schätzen die Aussichten am Aktienmarkt systematisch besser ein, wenn ihre Partei regiert, und schlechter, wenn die andere Seite gewinnt. Die Daten zeigen, dass dieses Bauchgefühl regelmäßig Geld kostet, und zwar unabhängig davon, welcher Partei du nahestehst. Eine US-Studie hat über 12.000 Amerikaner zwischen 2015 und 2025 gefragt, wie wahrscheinlich steigende Aktienkurse in den kommenden zwölf Monaten sind. Das Muster ist fast spiegelbildlich: Regiert ein Demokrat, sind Demokraten optimistisch und Republikaner skeptisch. Zieht ein Republikaner ins Weiße Haus, drehen beide Lager ihre Prognosen um. Selbst nach verlorenen Zwischenwahlen, die die eigene Politik eigentlich unwahrscheinlicher machen, bleibt die Zuversicht der Regierungsanhänger unverändert.

Der überraschendste Befund betrifft ausgerechnet die Kundigen: Bei Befragten mit guten Rechenfähigkeiten, hoher Finanzbildung und höherem Bildungsabschluss ist der Effekt stärker, nicht schwächer. Die Forscher sprechen von motiviertem Denken, also der Neigung, Erwartungen so zu bilden, dass sie zur eigenen Identität passen. Wer gut mit Zahlen umgehen kann, findet schlicht leichter eine plausible Begründung für das, was er ohnehin glauben möchte.

Und bei Worten allein bleibt es nicht. Eine Auswertung der Depots von Millionen US-Haushalten nach der überraschenden Präsidentschaftswahl 2016 zeigt: Republikaner erhöhten ihre Aktienquote und ihr Marktrisiko, Demokraten schichteten in sichere Anlagen um. Getragen wurde das von einer kleinen Gruppe, die große Umschichtungen vornahm, vor allem von Anlegern, die ohnehin viel handelten.

Was diese Verknüpfung kostet, zeigen die Jahre seit 2017. Unter Trump brach der US-Markt im Frühjahr 2020 binnen weniger Wochen um gut ein Drittel ein, unter Biden war 2022 das schwächste Börsenjahr seit der Finanzkrise 2008. Trotzdem legte der S&P 500 vom Amtsantritt Trumps bis Ende Oktober 2020 um 44,5 % zu, von Bidens Wahl bis Dezember 2023 um rund 38 %. Wer seine Aktienquote nach dem Wahlausgang ausrichtete, war in einer der beiden Phasen zu vorsichtig investiert, gleich welcher Partei er nahestand.

Und wie stark dann auch die Wahrnehmung kippen kann, offenbart uns die Verbraucherumfrage der Universität Michigan rund um die Wahl 2024. Bei Demokraten fiel der Stimmungsindex von 91,4 Punkten im Oktober auf 70,9 Punkte im Dezember, bei Republikanern stieg er im selben Zeitraum von 53,6 auf 81,6 Punkte. Beim Ausblick fiel der Ausschlag noch heftiger aus: Die Erwartungen der Demokraten sanken von 93,1 auf 48,7 Punkte, die der Republikaner stiegen von 61,4 auf 105,9 Punkte. So pessimistisch waren Demokraten zuvor nur in der Finanzkrise 2008 und zu Beginn der Pandemie.

Die Börse hält sich keineswegs an Parteiprogramme. Unter dem ausdrücklich ölfreundlichen Präsidenten Trump verlor der US-Energiesektor zwischen der Wahl im November 2016 und der Wahl im November 2020 gut 57 %. Selbst vor dem Pandemie-Einbruch lag er Anfang 2020 schon fast 7 % im Minus, während Solaraktien im selben Zeitraum um 267 % zulegten. Umgekehrt fiel ein breiter Index für saubere Energie im Jahr nach dem großen Klimagesetz der Biden-Regierung, dem Inflation Reduction Act, um mehr als 40 %.

Gibt es also gar keine „bessere“ Partei für Börsianer? Statistisch lagen die US-Überrenditen, also der Ertrag über dem risikolosen Zins, unter demokratischen Präsidenten deutlich höher: um 9,4 Prozentpunkte pro Jahr zwischen 1927 und 1998, um 17,4 Prozentpunkte von 1999 bis 2015. Die plausibelste Erklärung entlastet allerdings beide Parteien. In Krisen, wenn Anleger ängstlich sind und hohe Risikoprämien verlangen, werden eher Demokraten gewählt. Die anschließend höheren Renditen sind der Lohn für die übernommene Angst, nicht das Ergebnis der Regierungspolitik.

In Deutschland sieht das Bild ähnlich parteiisch aus, und es ist ähnlich irreführend. Seit 1965 erzielte der DAX im Schnitt 6,4 % pro Jahr. Unter Union und FDP waren es 10,6 %, unter Union und SPD 8,4 %, bei Regierungsbeteiligung der SPD insgesamt nur rund 4 %. In diese Phasen fielen allerdings die Ölkrisen der 1970er-Jahre und das Platzen der Dotcom-Blase. Die Autoren der Auswertung warnen selbst davor, Aktienkäufe von Regierungsbeteiligungen abhängig zu machen, weil die DAX-Konzerne mittelfristig stärker an der Weltwirtschaft hängen als an Berlin.

Auch für dich ist die US-Politik ein absolut wichtiges Thema, denn in breit gestreuten Weltportfolios stellen US-Aktien den größten Block. Wie teuer politisch getriebene Panik sein kann, zeigte das Frühjahr 2025: Nach den Zollankündigungen fiel der S&P 500 vom Rekord am 19. Februar bis zum 8. April um fast 19 %. Am 27. Juni stand er bereits wieder auf einem Rekordhoch, die schnellste Erholung nach einem Rückgang von mindestens 15 % seit 1957. Für Euro-Anleger blieb wegen des schwächeren Dollars zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ein Minus von rund 10 %.

Wo die Börse womöglich etwas übersieht: Politik wirkt sehr wohl auf Kurse, aber eben nur selten über die Parteifarbe. Sie wirkt über beschlossene Haushalte, Gesetze und Zölle, und diese Wirkung ist oft kurzlebiger als die Schlagzeilen. Langfristig bestimmen Gewinne, Zinsen und Risikobereitschaft den Kurs. Seit 1945 stieg der S&P 500 in 71 % aller Kalenderjahre, unter Präsidenten beider Parteien. Also: Die Wahl entscheidet, wer regiert, aber nicht, ob Unternehmen Geld verdienen.

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Aktien als Lehrstücke

Wann die Parteifarbe irrt und wann Politik doch zählt

Drei Aktien zeigen uns, wie unterschiedlich Politik auf Kurse wirken kann: ExxonMobil als politisches Feindbild, das unter dem „falschen“ Präsidenten glänzte, Nordex als Windkraftbauer, der dem Gegenwind aus Washington trotzte, und Rheinmetall als Gegenbeispiel, bei dem Politik tatsächlich den Takt vorgibt, allerdings rein über Haushaltszahlen.

ExxonMobil, einer der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt, hängt mit praktisch seinem gesamten Geschäft an Öl- und Gaspreisen. Politisch passte die Aktie nie zur Erwartung: Von 2017 bis 2020 regierte ein Präsident, der fossile Energie offen förderte, und die Aktie verlor in diesen vier Kalenderjahren rund 54 %, ohne Dividenden gerechnet. Im August 2020 flog Exxon sogar aus dem Dow-Jones-Index.

Dann kam ein Präsident, der die Ölbranche scharf kritisierte. 2021 stieg die Aktie um 48 %, 2022 um 80 %, über die vier Jahre 2021 bis 2024 summierte sich das Plus auf rund 160 %. Der Gewinn erreichte 2022 mit 55,7 Mrd. US-Dollar einen Konzernrekord, mehr als doppelt so viel wie die 23 Mrd. US-Dollar des Vorjahres und deutlich über dem alten Höchstwert von 45,2 Mrd. US-Dollar aus dem Jahr 2008. Treiber waren der Ölpreis, Russlands Angriff auf die Ukraine und knappe Raffineriekapazitäten, nicht das Weiße Haus.

Konzernchef Darren Woods führte den Rekord in einer Analystenkonferenz auf antizyklische Investitionen vor und während der Pandemie zurück: „We leaned in when others leaned out.“ Das größte Risiko bleibt der Rohstoffpreis. Als der Ölpreis nach Trumps zweitem Amtsantritt 2025 von knapp 80 auf rund 60 US-Dollar fiel, sank Exxons Quartalsgewinn um 6 % auf 7,7 Mrd. US-Dollar.

Nordex aus Hamburg baut Windturbinen an Land und macht den Großteil seines Geschäfts in Europa. Windkraft ist das gesamte Kerngeschäft, die USA spielen kaum eine Rolle. Ausgerechnet in einer Phase klimafreundlicher Regierungen in Washington und Berlin erlebte die Aktie ihren Absturz: vom Hoch bei 27,44 Euro Anfang Januar 2021 auf 7,23 Euro im Oktober 2022, ein Minus von rund 74 %. Lieferkettenchaos, teure Rohstoffe und ein Preiskampf drückten das operative Ergebnis vor Abschreibungen (EBITDA) 2022 auf -244 Mio. Euro.

Unter einem US-Präsidenten, der Windkraft öffentlich verspottet und am ersten Amtstag neue Offshore-Wind-Pachten stoppte, folgte dann die Wende: 2025 stieg die Aktie um 156 %. Die EBITDA-Marge verdoppelte sich von 4,1 auf 8,4 %, der Umsatz kletterte auf 7,6 Mrd. Euro, der Auftragseingang auf den Rekord von 10,2 Gigawatt. Ein Teil der Margenverbesserung stammt aus dem wachsenden Servicegeschäft, das höhere Margen abwirft als der Turbinenverkauf. Bemerkenswert ist der Heimatmarkt: 32 % aller 2025 in Deutschland neu installierten Windanlagen kamen von Nordex. Wegen des geringen US-Engagements sah das Unternehmen keine wesentlichen direkten Folgen der US-Zölle.

Das Risiko liegt natürlich im Geschäftsmodell selbst. Windkraft ist ein Projektgeschäft mit dünnen Margen, Nordex schrieb über Jahre Verluste. Kursläufe wie 2025 bauen hohe Erwartungen auf, ein Rückfall bei Margen oder Aufträgen würde entsprechend hart bestraft.

Rheinmetall ist das Gegenbeispiel. Hier gibt die Politik tatsächlich den Takt vor. Der Düsseldorfer Konzern konzentriert sich auf das Rüstungsgeschäft, sein Umsatz hängt direkt an staatlichen Budgets. Ende 2021 kostete die Aktie rund 83 Euro. Nach der Zeitenwende-Rede vom 27. Februar 2022 und einem kreditfinanzierten Sondertopf von 100 Mrd. Euro für die Bundeswehr stieg sie 2025 bis auf gut 2.000 Euro.

Spannend: Die Zeitenwende rief ein SPD-Kanzler einer Ampel-Koalition aus, die Lockerung der Schuldenbremse für Verteidigung brachten im März 2025 Union und SPD auf den Weg. Für Rheinmetall zählte also nicht die Parteifarbe, sondern ein parteiübergreifender Haushaltswille. 2025 stieg der Umsatz im fortgeführten Geschäft um 29 % auf 9,9 Mrd. Euro, das operative Ergebnis um 33 % auf 1,84 Mrd. Euro, der Auftragsbestand erreichte 63,8 Mrd. Euro. Die Dividende stieg von 3,30 Euro für 2021 auf 11,50 Euro für 2025.

Wie direkt die Politik hier wirkt, zeigt eine Formulierung aus Rheinmetalls eigenen Quartalsberichten 2025: Der Auftragseingang lag unter Vorjahr, begründet mit einem „Auftragsstau nach Neuwahlen in Deutschland“. Das Geschäft bewegte also nicht der Wahlausgang, sondern die Monate ohne beschlossenen Haushalt.

Genau darin liegt das größte Risiko: Wer von Haushaltsbeschlüssen lebt, hängt an deren Umsetzung. Nach dem Rekordhoch verlor die Aktie binnen weniger als einem Jahr fast 40 %, auch weil Zweifel aufkamen, ob die Sondervermögen zusätzliche Aufträge finanzieren oder bestehende Haushaltsposten nur verschieben. Fortschritte bei Friedensgesprächen könnten die Erwartungen an künftige Aufträge zusätzlich dämpfen.

Was alle drei Fälle verbindet: Über die Kurse entschieden Gewinne, Rohstoffpreise und konkrete Haushaltsbeschlüsse. Die Parteifarbe der Regierung spielte keine verlässliche Rolle. Die Aussagekraft von Wahlabenden also ist wohl eher gering, die von Berichtssaisons, verabschiedeten Haushalten und tatsächlich erhobenen Zöllen deutlich größer. Wer das Thema weiter beobachten will, findet die entscheidenden Signale in drei Größen: in der Gewinnentwicklung je Aktie, im Zinsniveau als Maßstab für die Risikoprämie und in Gesetzestexten, die echte Zahlen verändern statt Stimmungen. Bleibt eine Frage, die sich jeder selbst stellen sollte: Woran würdest du merken, dass deine Erwartung an die Börse gerade von deiner politischen Haltung kommt und nicht von den Zahlen?

Mata ne – bis zum 7. Dezember

Vom 10. November bis 4. Dezember sind wir auf Research-Reise durch Japan. Wir treffen Experten, Geschäftsführer und Investoren zu Interviews und schauen uns vor Ort an, welche Trends, Geschäftsmodelle und Chancen das Land gerade prägen.

In dieser Zeit pausiert der Newsletter: keine Aktien, keine ETFs. Dafür Sushi, Shinkansen, viele Gespräche und jede Menge Eindrücke aus Tokio, Osaka, Nagoya, Fukuoka, Nagasaki und Hiroshima.

Am 7. Dezember sind wir zurück mit neuen Geschichten, Analysen und Investmentideen, die zeigen, warum sich der Blick nach Osten lohnen könnte. Also: Bleib neugierig und halte dein Depot offen für Neues.

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