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es gibt Aktien, bei denen dir jeder erzählt, sie seien billig. Micron ist gerade so eine. Ein einstelliges Forward-KGV, Rekordmargen, Abnahmeverträge über 100 Milliarden Dollar. Wir haben uns die Rechnung angeschaut, die dahintersteckt. Und dabei eine Zahl gefunden, die in keiner der Analysen auftaucht, die wir dazu gelesen haben. Und das, obwohl sie ziemlich genau das Gegenteil von dem sagt, was alle behaupten.

Am 30. September legt der Konzern die Quartalszahlen vor. Bis dahin lohnt es sich zu wissen, worauf du eigentlich schauen solltest. Viel Spaß beim Lesen.

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Wunschanalyse

🔬 Micron vor den nächsten Earnings

Am 30. September legt Micron nach US-Börsenschluss die Zahlen zum vierten Geschäftsquartal vor, und die Aufstellung erscheint etwas heikel. Die Aktie steht bei rund 957 Euro. Eine Woche vorher notierte sie noch bei 925 Dollar und damit rund 26 % unter ihrem Rekord. Auf zwölf Monate steht ein Plus von etwa 566 %, der Börsenwert liegt bei mehr als 1 Billion Euro.

Der Maßstab für kommende Woche stammt aus dem Vorquartal, und der sieht recht spannend aus: 41,46 Milliarden Dollar Umsatz, 346 % mehr als im Vorjahr und 74 % mehr als im Quartal davor. Bruttomarge 84,9 %, operative Marge 81,2 %, Gewinn je Aktie 25,11 Dollar. Der operative Cashflow von 25,4 Milliarden entsprach 61 % des Umsatzes. Analysten hatten 35,8 Milliarden Umsatz erwartet. Micron lieferte 5,6 Milliarden mehr.

Für das jetzt anstehende Quartal hat das Management 50 Milliarden Dollar Umsatz angekündigt, dazu rund 86 % Bruttomarge und 31 Dollar Gewinn je Aktie. Merk dir diese 86 %: Sie werden derzeit als Konsensschätzung herumgereicht, die Micron übertreffen könnte. Sie sind aber die Hausprognose selbst.

Kommen wir zum Geschäft: HBM steht für High Bandwidth Memory, also gestapelter Arbeitsspeicher, der direkt neben dem KI-Beschleuniger sitzt und ihn mit Daten füttert. Genau darauf ruht die ganze Erzählung vom Ende der Zyklik. Und genau da liegt auch das Problem. Denn Microns HBM-Marktanteil ist im zweiten Kalenderquartal laut Counterpoint Research von 21 auf 18 % gefallen. Samsung sprang im selben Zeitraum von 21 auf 33 %, SK hynix rutschte von 58 auf 50. Microns DRAM-Umsatz wuchs zwar mit 65,5 % schneller als der beider Rivalen, aber das Wachstum kam vollständig aus konventionellem Server-Arbeitsspeicher, nicht aus dem margenstärksten Produkt. Das ist wahrscheinlich die eine Zahl, die am 30. September mehr zählen wird als jeder Umsatzrekord.

Das zweite große Thema sind die Abnahmeverträge. Micron hat 16 sogenannte Strategic Customer Agreements geschlossen: Take-or-pay, nicht kündbar, meist fünf Jahre bis Ende 2030. Der Kunde verpflichtet sich zur Abnahme fester Mengen zu einem Mindestpreis. Nimmt er nicht ab, zahlt er trotzdem. Abgedeckt sind rund 20 % des DRAM- und ein Drittel des NAND-Volumens. 14 dieser Verträge ergeben zu Mindestpreisen rund 100 Milliarden Dollar kumulierten Umsatz.

Die Kunden haben dafür rund 22 Milliarden Dollar hinterlegt, davon etwa 18 Milliarden in bar und 4 Milliarden als Akkreditive. Das Management sagt, selbst die Preisuntergrenzen lieferten Bruttomargen deutlich über dem bisherigen zyklischen Spitzenwert. Und der lag bei 61,4 % im vierten Quartal 2018. Laut Barclays rechnet das Management damit, dass nach Abschluss aller geplanten Verträge über die Hälfte des Konzernumsatzes darunter fällt, rund 40 Prozentpunkte davon mit Fixpreis oder Preisband. Steigen die Spotpreise weiter, verzichtet Micron auf diesen Anteil auf einen Teil der Fantasie. Und die 100 Milliarden verteilen sich auf fünf Jahre, also rund 20 Milliarden jährlich gegen aktuell 50 Milliarden pro Quartal. Der Boden liegt also sehr tief.

Damit zur Bewertung: Du kannst je nach Quelle ein KGV von 5,9 oder 6,4 oder 6,7 oder 15 finden. Alle nennen es „forward". Der Unterschied steckt im Nenner: Die einstelligen Werte rechnen gegen den Konsens fürs Geschäftsjahr 2027 von rund 156 Dollar je Aktie. Der aktuelle Gesamtjahreskonsens liegt bei 72,98 Dollar. Die Erste Group hat ihre 2027er-Schätzung am 21. September auf 156,41 Dollar angehoben, also zu einem Wert, der mehr als doppelt so hoch ist wie die laufende Erwartung. Nicht vergessen: Ein KGV ohne Jahresangabe ist keine Kennzahl, sondern eher eine Meinung.

Der Speicherzyklus hat uns Anlegern diese Falle schon mehrfach gestellt. Im vierten Quartal 2018 lag Microns Bruttomarge bei 61,4 %, und die Aktie war billig. Bis zum zweiten Quartal 2023 fiel dieselbe Marge auf -31,4 %. Ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis am Zyklushoch ist aber die normale Reaktion eines Marktes, der weiß, was Rekordgewinne in dieser Branche bedeuten können.

Am 20. September kam dann eine Meldung, die in der Bullenrechnung nicht vorgesehen ist. Chinas ChangXin Memory meldete in Hefei die Massenfertigung seiner fünften DRAM-Generation: 11,95 Nanometer Strukturabstand, über 50 % mehr Chips pro Wafer. Und das ohne EUV-Belichter, die China gar nicht kaufen darf. Der Marktanteil kletterte binnen eines Jahres von 4 auf 7 bis 10 %, der Umsatz um 716 %.

Dazu die Zinsen. Am 16. September hob die Fed unter Kevin Warsh den Leitzins einstimmig auf 3,75 bis 4 % an. Es war die erste Erhöhung seit 2023, mit Aussicht auf 4,1 bis 4,4 % zum Jahresende. Ein hochzyklischer Titel à la Micron, dessen ganze Bewertung an Gewinnen weit in der Zukunft hängt, ist allerdings genau das, was steigende Zinsen abstrafen.

Worauf du am 30. September also wirklich achten solltest: der HBM-Anteil, der Fortschritt Richtung „über 50 % Umsatz unter Verträgen“ und was das Management dazu sagt, dass Nvidia bei den kommenden Rubin-Systemen offenbar weniger Speicher verbauen will als geplant.

Peers

⛓️ Die Wertschöpfungskette hinter dem Chip

Fangen wir beim Größten an, denn Samsung hat im zweiten Quartal etwas geliefert, das es so noch nie gab. 171,5 Billionen Won Umsatz und 89,5 Billionen Won operativer Gewinn, ein Plus von 1.814 % gegenüber dem Vorjahr, nach aktuellem Kurs rund 58 Milliarden Dollar in drei Monaten und damit der höchste Quartalsgewinn, den je ein Technologiekonzern ausgewiesen hat. Die Chipsparte allein steuerte 89,2 Billionen bei.

Der Rest des Konzerns steuerte fast nichts bei. Die Mobilsparte rutschte erstmals in ihrer Geschichte in den operativen Verlust, -0,7 Billionen Won, erdrückt von genau den Bauteilpreisen, an denen die eigene Chipsparte verdient. Und genau das ist vielleicht die ehrlichste Zahl des ganzen Speicherbooms: Er ist eine Umverteilung innerhalb der Elektronikindustrie, kein Zugewinn für alle.

Spannendes dazu zeigt auch eine Counterpoint-Erhebung. Der Arbeitsspeicher machte im dritten Quartal 2025 noch 8 % der Materialkosten eines Premium-Smartphones aus. Ein Jahr später sind es geschätzt 25 %. Damit hat DRAM erstmals den Prozessor überholt, dessen Anteil von 32 auf 24 % fiel.

SK hynix bleibt der HBM-Marktführer mit rund der Hälfte des Umsatzes, hat im zweiten Quartal 79,3 Billionen Won umgesetzt und davon 60,5 Billionen operativ verdient. Das bedeutet also eine Marge von 76 %. Trotzdem verfehlte der Konzern den Konsens, und die Aktie fiel 9 %. Der Grund ist lehrreich: Die Koreaner hatten ihre Langfristverträge sehr früh geschlossen, zu Preisen von damals. Genau die Planungssicherheit, für die Micron gerade gefeiert wird, hat SK hynix im Aufschwung Anteile gekostet.

Auf der Fertigungsseite läuft TSMC heiß. Im August meldeten die Taiwaner 514,81 Milliarden Taiwan-Dollar Umsatz, rund 16,3 Milliarden US-Dollar und ein Plus von 53,3 % zum Vorjahr und 10,1 % zum Juli, erstmals über der Marke von einer halben Billion. Von Januar bis August steht ein Plus von 39,3 %. Der Foundry-Marktanteil liegt laut TrendForce bei 72,5 %, die 5-, 4- und 3-Nanometer-Linien sind voll belegt.

Wer die Fabriken baut, verdient auch. Lam Research kam im Juni-Quartal auf 6,72 Milliarden Dollar Umsatz, 30 % mehr als im Vorjahr, bei 52 % Bruttomarge und 1,82 Dollar Gewinn je Aktie. Speicher stellte 46 % des Systemumsatzes, der NAND-Umsatz verdoppelte sich binnen eines Quartals. Die Prognose für weltweite Anlagenausgaben hat der Konzern binnen zweier Quartale von 135 über 140 auf rund 150 Milliarden Dollar angehoben.

Nioch etwas spannender als die Großen erscheint derzeit ein Nischenspezialist aus den Niederlanden. BE Semiconductor, kurz Besi, baut die Maschinen, die Chips aufeinanderstapeln. Der Auftragseingang stieg im zweiten Quartal auf 292,9 Millionen Euro, ein Plus von 128,8 % zum Vorjahr, bei einer Bruttomarge von 65,7 %. Die Zahl der Kunden für Hybrid Bonding, das direkte Verschweißen zweier Chips ohne Lötkontakte, wuchs von 15 auf 21. Applied Materials hält rund 9 % an Besi.

Und Besi hat einen interessanten Auftrag an Land gezogen: Für Microns HBM4-Generation gilt das Unternehmen als Alleinlieferant der Thermokompressions-Bonder. Verloren hat diesen Platz unter anderem Hanmi Semiconductor aus Korea, das bei HBM3 noch dabei war und 2025 gut 71 % des TC-Bonder-Marktes hielt. Hanmi bedient jetzt vor allem SK hynix: Im Juni kam ein Auftrag über 44,2 Milliarden Won, immerhin 7,7 % des Jahresumsatzes. Zulieferverhältnisse in diesem Markt sind keine Renten.

Bleibt der wichtigste Kunde. Nvidia prüft laut TrendForce-Analyse für die kommende Rubin-Ultra-Generation deutlich abgespeckte Speicherkonfigurationen. Getestet werden wohl einige Varianten ab 192 Gigabyte statt der ursprünglich geplanten 1 Terabyte. Bank of America rechnet vor, dass die Rechenleistung unterhalb von 500 Gigabyte stark abfällt, hält das also eher für einen Engpass als für eine dauerhafte Abkehr. Für die Speicherhersteller könnte aber beides unangenehm werden.

Wie tief die Abhängigkeit inzwischen geht, zeigt eine Prognose, ebenfalls aus dem Hause TrendForce, vom 25. August: DRAM und NAND zusammen sollen 2026 rund 47 % der gesamten Investitionsbudgets der großen Cloud-Anbieter verschlingen. Und 2027 dann bereits 68 %. Serverspeicher hat sich 2026 preislich etwa verdreifacht, Enterprise-SSDs legten um rund 235 % zu. Zugleich kühlt die Preisdynamik ab. Für das dritte Quartal erwartet TrendForce bei konventionellem DRAM nur noch 13 bis 18 % Aufschlag zum Vorquartal und bei NAND 10 bis 15 %, nach Sprüngen von über 90 % zu Jahresbeginn. Die Begründung liest sich schlicht: Die Konsumkunden haben ihre Schmerzgrenze erreicht.

Und die Antwort der Branche auf Knappheit ist immer dieselbe. Micron erhöht die Investitionen von gut 13 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2025 auf über 45 Milliarden im Geschäftsjahr 2027 und hat sein US-Programm auf 250 Milliarden Dollar aufgestockt. Sechs neue Werke sind geplant. Produzieren werden sie ab 2028. Ob dann noch Knappheit herrscht, entscheidet, ob dieser Zyklus wirklich anders war.

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