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während alle über künstliche Intelligenz reden, verschiebt sich an den Märkten etwas ganz anderes: wer auf dieser Welt eigentlich noch einkauft. Die Kaufkraft sitzt im Norden, die Kinder kommen im Süden zur Welt. Für viele Unternehmen ist das eine Zwickmühle, für aufmerksame Anleger vielleicht sogar eine Chance.

Heute schauen wir, welche Geschäftsmodelle in beiden Welten funktionieren können. Und warum eine richtige Idee an der Börse trotzdem Geld kosten kann. Du erfährst außerdem, warum ein Blick auf den Kunden oft mehr verrät als jede Wachstumsprognose. Schnapp dir einen Kaffee und lies rein. Viel Spaß!

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Demografie

👶 Die Reichen werden weniger

Stell dir vor, ein Konzern stellt die Produktion von Babywindeln ein. Nicht weil das Produkt schlecht wäre, sondern weil ihm die Kunden ausgehen. Genau das hat der japanische Papierhersteller Oji Holdings getan: Seit Herbst 2024 produziert er für den Heimatmarkt keine Babywindeln mehr, nachdem die Stückzahl von rund 700 Millionen im Jahr 2001 auf etwa 400 Millionen geschrumpft war. Stattdessen baut Oji die Fertigung von Windeln für Erwachsene aus. Die verkaufen sich in Japan schon seit 2011 besser als die für Babys.

Diese kleine Anekdote spiegelt einen Megatrend, der an der Börse im Schatten der KI-Euphorie steht. Damit eine Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bleibt, braucht es rund 2,1 Kinder je Frau. Demografen nennen das Bestandserhaltungsniveau. Der Wert gilt allerdings nur für Länder mit niedriger Kindersterblichkeit. Wo mehr Kinder früh sterben, liegt die Schwelle spürbar höher.

Die Weltbank-Daten für 2024 zeichnen eine glasklare Treppe. In Ländern mit niedrigem Einkommen bekommt eine Frau im Schnitt 4,46 Kinder, in der unteren Mitteleinkommensgruppe 2,62. In der oberen Mitteleinkommensgruppe, zu der auch China zählt, sind es nur noch 1,52, in den reichen Ländern 1,42. Weltweit liegt der Wert mit 2,19 nur noch knapp über der magischen Marke.

Parallel dazu klafft beim Wohlstand eine gewaltige Lücke. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, also die Wirtschaftsleistung pro Kopf, lag 2024 in den reichen Ländern bei rund 50.900 US-Dollar. In den ärmsten Ländern waren es gut 800 Dollar, ein Unterschied um den Faktor 63.

Deutschland liegt dabei mitten im Trend. 2025 kamen laut Statistischem Bundesamt nur noch 654.241 Kinder zur Welt, so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die Geburtenrate sank auf 1,32 Kinder je Frau. Italien kommt auf 1,18, Japan auf 1,15, China auf gerade einmal 1,01. Den Negativrekord hält Südkorea mit 0,75 im Jahr 2024, allerdings mit einer kleinen Wende: 2025 stieg der Wert dank eines Hochzeitsbooms auf 0,80.

Weniger Kinder bedeuten automatisch einen höheren Anteil Älterer. In den reichen Ländern ist bereits jeder Fünfte 65 Jahre oder älter, in Deutschland sind es 23,2 %, in Japan fast 30 %. In den ärmsten Ländern liegt der Anteil bei 3,3 %.

Doch Vorsicht, vor der allzu bequemen Schlagzeile, die reichen Länder würden bereits schrumpfen. Das stimmt so nicht. Die Bevölkerung der Hocheinkommensländer wuchs 2024 um 0,69 % und damit doppelt so schnell wie die der oberen Mitteleinkommensgruppe. Der Motor ist Zuwanderung, auch Deutschland legte um 0,27 % zu. Tatsächlich geschrumpft sind vor allem Japan mit -0,44 %, Italien und China. Im reichen Norden sinkt also nicht die Kopfzahl, sondern der Nachwuchs, und damit steigt das Durchschnittsalter.

Die Konsequenzen daraus? Die Vereinten Nationen erwarten, dass die Menschheit noch bis Mitte der 2080er-Jahre auf etwa 10,3 Milliarden Menschen wächst. In 63 Ländern mit zusammen 28 Prozent der Weltbevölkerung ist der Höhepunkt dagegen schon überschritten, darunter China, Deutschland und Japan. Das Wachstum konzentriert sich zunehmend auf Afrika südlich der Sahara, wo die Geburtenrate bei 4,26 liegt. Selbst Indien rutscht mit 1,96 bereits unter die Schwelle.

Und dann ist da die Künstliche Intelligenz. Laut dem Global AI Diffusion Report von Microsoft, veröffentlicht am 21. September, nutzen im globalen Norden 28,8 % der Menschen im erwerbsfähigen Alter generative KI, im globalen Süden nur 16,2 %. Die Lücke wächst von Quartal zu Quartal. Noch grundlegender ist der Zugang zum Netz: In reichen Ländern sind laut Weltbank über 90 % der Menschen online, in den ärmsten gerade einmal 23 %.

Aus all dem entsteht ein Paradox. Dort, wo die Kunden von morgen geboren werden, ist die Technik am wenigsten verbreitet und das Geld am knappsten. Dort, wo KI die Produktion effizienter macht, altert die Kundschaft und wächst kaum noch. Für global aufgestellte Konsumkonzerne ist das eine doppelte Herausforderung. Im Süden wächst die Zahl der Käufer, aber jeder einzelne achtet auf jeden Cent. Im Norden sitzt die Kaufkraft, doch die Zielgruppe wird grauer, und mit ihr verschieben sich die Wünsche: weniger Kinderwagen, mehr Gesundheit, Reisen und Altersvorsorge. Wer beide Welten mit demselben Produkt zum selben Preis bedienen will, dürfte in mindestens einer scheitern.

Für dich als Anleger heißt das: Wenn Einkommen breiter Schichten stagnieren und der Nachwuchs fehlt, trifft ein wachsendes Angebot auf eine Nachfrage, die nicht automatisch mitzieht. Wer nur „KI gleich Rendite“ denkt, übersieht die Käuferseite der Gleichung. Welche Geschäftsmodelle in beiden Hälften der Welt Geld verdienen und wo die Börse womöglich schon zu viel vorweggenommen hat, klären wir gleich.

Chancen

🍺 Masse oder Marge? Wer in beiden Welten verdienen kann

Grob gesagt gibt es zwei Wege zum Gewinn. Der eine heißt Masse: kleine Marge, riesiges Volumen. Der andere heißt Premium: kleinere Stückzahl, dafür satte Aufschläge. In jungen, ärmeren Märkten zählt vor allem Preiswettbewerbsfähigkeit, das Produkt muss schlicht bezahlbar sein. In alten, reichen Märkten zählt Preismacht, also die Fähigkeit, Preise anzuheben, ohne Kunden zu verlieren. Weil die Stückzahlen dort tendenziell sinken, ist sie keine Kür, sondern Pflicht.

Ein Paradebeispiel für die Massenlogik ist Airtel Africa. Der Konzern verkauft Mobilfunk, Daten und Bezahldienste in 14 Ländern südlich der Sahara. In seinem ersten Geschäftsquartal bis Ende Juni stieg der Umsatz um 31 % auf 1,85 Milliarden US-Dollar, währungsbereinigt um 21,1 %. Die Kundenzahl kletterte um 11,6 % auf 189 Millionen, der Datenverkehr sogar um 56,3 %. Die EBITDA-Marge, also das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im Verhältnis zum Umsatz, erreichte 50,1 %. Unter dem Strich blieben 198 Millionen Dollar Gewinn.

Der eigentliche Schatz heißt dabei Airtel Money. Die Bezahlplattform zählt 53 Millionen monatlich aktive Nutzer und wickelte in zwölf Monaten Transaktionen von rund 213 Milliarden Dollar ab. Am 23. September kündigte sie ihren Börsengang in London an, im Gespräch ist eine Bewertung von 8 bis 9 Milliarden Dollar, der Preis soll Mitte Oktober stehen. Frisches Geld fließt dabei nicht, es verkaufen ausschließlich Altaktionäre. Airtel Africa hält 77,85 %. Dieser Anteil entspräche 6,2 bis 7 Milliarden Dollar, knapp der Hälfte des eigenen Börsenwerts von rund 11 Milliarden Pfund. Spannend: Die Aktie notiert etwa 30 % unter ihrem Jahreshoch.

Heineken spielt dagegen in beiden Welten. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs der operative Gewinn der Region Afrika und Nahost organisch, also ohne Währungs- und Zukaufeffekte, um 30,8 %, die Marge stieg von 12,6 auf 15 %. In Äthiopien legte der Umsatz um mehr als 30 % zu. In Nigeria setzt der Brauer auf die 45-Zentiliter-Mehrwegflasche zu einem erschwinglichen Preis, klassische Volumenlogik. Europa dagegen trat mit 0,1 % Umsatzplus und 10,2 % Marge auf der Stelle.

Wichtig fürs Einordnen: Afrika und Nahost stehen bei Heineken für rund 16 % des Absatzes und etwa 15 % des operativen Gewinns. Ein Profitwunder ist die Region also nicht, sondern ein Wachstumsmotor, der aufholt. Das Management verweist darauf, dass Schwellenländer rund 80 % der Weltbevölkerung stellen, der Bierkonsum pro Kopf dort aber nur etwa halb so hoch ist wie in Industrieländern. Die Aktie kostet rund 72 Euro, die Dividendenrendite liegt bei etwa 2,7 %. Am 1. Oktober übernimmt Rafa Oliveira als neuer Vorstandschef.

Auf der Premiumseite der Welt steht BlackRock, der größte Vermögensverwalter des Planeten. Ende Juni verwaltete er 15,3 Billionen Dollar, ein Rekord. Allein im zweiten Quartal flossen 192 Milliarden Dollar neu zu, in zwölf Monaten 868 Milliarden. Die operative Marge erreichte 45,9 %. Das Geschäftsmodell lebt davon, dass alternde Gesellschaften Vermögen für den Ruhestand anlegen müssen und Kapitalerträge an Gewicht gewinnen. Larry Fink formulierte das Problem schon 2024 zugespitzt: Die Welt investiere enorm viel Energie in ein längeres Leben, aber kaum etwas darin, diese Jahre auch bezahlbar zu machen.

Bei Royal Caribbean lohnt ein zweiter Blick. Die These vieler Analysten lautet, eine wohlhabende, alternde Kundschaft gebe mehr für Erlebnisse aus. Doch das Durchschnittsalter auf Kreuzfahrten liegt laut Branchenverband CLIA bei 46,7 Jahren, und laut Konzernchef Jason Liberty ist etwa die Hälfte der eigenen Gäste Millennial oder jünger. Das ist also eher eine Wette auf zahlungskräftige Familien als auf Rentner. Für 2026 erwartet der Konzern einen bereinigten Gewinn je Aktie von 17,73 bis 17,87 Dollar, ein Plus von 14 %. Die Net Yields, also der Nettoerlös je Passagiertag, sollen währungsbereinigt aber nur um 1,75 bis 2,25 % steigen. Auch Preismacht hat also ihre Grenzen.

Den Wandel zum Urlaubskonzern treibt Royal Caribbean trotzdem voran. Am 23. September vereinbarte der Konzern, für rund 3 Milliarden Dollar die Hälfte von Sandals Resorts zu übernehmen, einem Anbieter von All-inclusive-Anlagen in der Karibik. Bezahlt wird etwa das Zehnfache des erwarteten operativen Ergebnisses vor Abschreibungen. Die Aktie liegt etwa 30 % unter ihrem 52-Wochen-Hoch und kostet damit rund das 14-Fache des erwarteten Jahresgewinns.

Womit wir bei der entscheidenden Frage sind: Ist das alles schon im Markt eingepreist? Einen Trend zu erkennen, reicht an der Börse nicht. Profis sprechen vom Denken zweiter Ordnung. Es geht nicht darum, was passiert, sondern darum, was der Markt noch nicht erwartet. Airtel Africa und Royal Caribbean zeigen, wie beides auseinanderlaufen kann: Die Geschäfte wachsen, die Aktien liegen trotzdem rund 30 % unter ihren Hochs.

Ein paar Fragen helfen dir vielleicht, bevor du einer Demografie-Story folgst:

1. Wo verdient das Unternehmen tatsächlich sein Geld?

2. Lebt es von Masse oder von Marge, und passt das zum Kunden?

3. Ist dieser Kunde jung oder alt, und wie viel Geld hat er?

Wer diese Fragen Land für Land beantwortet statt mit einer einzigen globalen Erzählung, findet womöglich eher ein paar Investmentchancen, die der Markt noch übersieht.

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