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Wunschanalyse

📉 An der Börse 61 % Minus, obwohl der Gewinn steigt

Am 12. Februar 2025 kostete eine Wolters-Kluwer-Aktie noch rund 181 Euro. Heute bekommst du sie für gut 70 Euro. Das sind rund 61 % Drawdown. So nennen Profis den Abstand vom Höchstkurs zum aktuellen Kurs. Bei einem Unternehmen, das seit über 30 Jahren jedes Jahr die Dividende anhebt, ist das ungewöhnlich. Bei einem, dessen Gewinn im selben Zeitraum steigt, ist es fast schon bizarr.

Der Auslöser lässt sich auf den Tag datieren: 3. Februar 2026. Anthropic stellte ein KI-Werkzeug für interne Rechtsabteilungen vor. Wolters Kluwer und RELX verloren zeitweise bis zu 12 %, Thomson Reuters ebenfalls über 10. Die Niederländer fielen auf den tiefsten Stand seit März 2021. Ein Barclays-Analyst hielt schon damals dagegen: Am Markt für spezialisierte Kanzlei-KI ändere das wenig, hilfreich sei die Schlagzeile trotzdem nicht.

Anderthalb Jahre später liegen Zahlen vor. Am 5. August meldete der Konzern für das erste Halbjahr 3.033 Millionen Euro Umsatz, organisch (also ohne Zukäufe und Währungseffekte). Das sind +5 %. Ohne das schrumpfende Printgeschäft waren es sogar 6. Der bereinigte operative Gewinn stieg währungsbereinigt um 10 % auf 893 Millionen, die Marge um einen vollen Prozentpunkt auf 29,4 %.

Noch spannender: 85 % der Erlöse sind wiederkehrend, also Abos und Verlängerungen statt Einzelverkäufe. Diese Basis wuchs organisch um 7 %. Die reine Cloud-Software legte um 14 % zu. Wer also eine Kundenflucht wegen KI erwartet hatte, findet zumindest in diesen Zahlen kein einziges Indiz dafür.

Am deutlichsten wird es im Gesundheitsgeschäft. Die Wissensdatenbank UpToDate gibt es seit rund 9 Monaten in einer Expert-AI-Variante. Bis Ende Juli hatten über 90 % der US-Großkunden umgestellt, das sind etwa 2.500 Krankenhäuser. Das eigene Halbjahresziel lag bei 70 %. International sind über 230 Standorte in 36 Ländern aktiv. Die Kunden wandern also nicht ab. Sie zahlen sogar mehr.

Steuern und Rechnungswesen wuchsen organisch um 6 %, in Europa sogar um 8. In Nordamerika legte die Cloud-Software um 18 % zu, weil Kanzleien von lokal installierter Software auf die Plattform CCH Axcess wechseln. Rund 250 Kanzleien haben bereits die neuen agentischen KI-Module gebucht: Software, die Arbeitsschritte selbstständig abarbeitet, statt nur Vorschläge zu machen.

Im Rechtsgeschäft wuchs der Umsatz organisch um 5 %, ohne Print um 8. Die im November 2025 zugekaufte KI-Arbeitsumgebung Libra läuft inzwischen in 10 Ländern. Bei Firmen- und Finanz-Compliance waren es 4 %, gebremst von einem schwachen Transaktionsmarkt. Dort verdient der Konzern an Fusionen und Kreditvergaben mit.

Anfang Juni kam die Partnerschaft mit OpenAI. Wolters Kluwer bekommt damit Zugriff auf aktuelle Modelle und Schnittstellen, betreibt sie aber über die eigene Plattform FAB, die bewusst modelloffen bleiben soll. Parallel läuft seit März die Integration in den Klinik-Assistenten Abridge, eine weitere mit Microsofts Dragon Copilot ist für dieses Jahr geplant. Daten, Governance und Kundenbeziehung bleiben dabei im Haus.

Drei Dinge solltest du auf jeden Fall im Blick behalten. Erstens die Währung: Über 60 % des Geschäfts macht Wolters Kluwer in Nordamerika. Jeder US-Cent Wechselkursbewegung verschiebt den Gewinn je Aktie um 4,5 Eurocent in die Gegenrichtung. Zweitens das nicht wiederkehrende Geschäft, das zuletzt organisch 3 % verlor. Drittens die Kosten der KI-Offensive: Die Produktentwicklung steigt 2026 auf 12 bis 13 % vom Umsatz, mit Schwerpunkt im zweiten Halbjahr.

Peers

🕸️ Rivalen, Angreifer und ein Zulieferer mit Doppelrolle

Wenn du wissen willst, ob eine Branche wirklich kippt, schaust du nicht auf eine Aktie, sondern natürlich auch auf die Peers. Bei Wolters Kluwer sind das drei Gruppen: die direkten Rivalen um dieselben Datenpools, die Angreifer aus der Softwarewelt und die KI-Zulieferer, die zugleich Konkurrenten sind. Genau diese Doppelrolle macht diesen Fall so interessant.

Der Ausverkauf im Februar traf einen ganzen Sektor: Fachverlage, Datenanbieter, Börsenbetreiber, sogar Werbekonzerne. Experten bezifferten den Verlust an Börsenwert bei Medien- und Finanzdatenunternehmen auf Dutzende Milliarden. Eine Branche wurde also an einem einzigen Tag komplett neu bepreist. Und das nur auf Basis einer Produktankündigung, nicht auf Basis von Geschäftszahlen. Die aktuellen Halbjahresberichte liefern jetzt die Gegenprobe.

Wolters Kluwers größte Nachbar ist RELX, Mutter von LexisNexis und Elsevier. Am 23. Juli meldeten die Briten für das Halbjahr 4.871 Millionen Pfund Umsatz, ein Plus von 7 %. Der bereinigte operative Gewinn stieg um 9 % auf 1,74 Milliarden Pfund, die Marge auf 35,5 %. Die Rechtssparte mit Lexis+ und dem Assistenten Protégé wuchs am stärksten, nämlich um 10 %.

Noch besser lief es zuletzt bei Thomson Reuters. Im zweiten Quartal legte der Umsatz organisch um 8 % zu, die drei Kernsparten sogar um 10. Das Management hob die Jahresprognose an. Der KI-Assistent CoCounsel überschritt die Marke von einer Million Nutzer, dazu baut der Konzern jetzt auch ein eigenes Sprachmodell. Nebenbei verkaufte er 51 % des globalen Druckgeschäfts für rund 500 Millionen Dollar an den Finanzinvestor KKR.

Wie echte Disruption aussieht, zeigt dagegen Clarivate, der Anbieter von Web of Science und Patentdatenbanken. Im zweiten Quartal fiel der Umsatz auf 587,3 Millionen Dollar, ein Minus von gut 5 %. Das wiederkehrende Geschäft wuchs organisch nur rund 1 %. Unterm Strich stand ein Verlust von 269 Millionen Dollar, inklusive 221,7 Millionen Abschreibung. 

Im Steuer- und Kanzleigeschäft heißt der Gegner Intuit. Der US-Konzern knackte im Geschäftsjahr 2026 erstmals 20 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 14 %. Für 2027 stellt das Management allerdings nur noch 9 bis 10 % in Aussicht. Und im Mai kündigte Intuit an, die Belegschaft um 17 % zu verkleinern. KI spart eben auch beim Anbieter selbst Personal ein.

Und die Zulieferer? Sie sind dieselben Firmen wie die Angreifer. Anthropic löste im Februar den Absturz aus. OpenAI liefert seit Juni die Modelle für die Expert-AI-Produkte. Microsoft steuert mit Dragon Copilot den Arbeitsplatz im Krankenhaus bei

Zu weiteren Einordnung noch zwei kleinere Vergleichswerte: Sage aus Großbritannien und Workiva aus den USA bedienen benachbarte Nischen, Buchhaltung für den Mittelstand und Berichtssoftware für Konzerne. Und SAP dient vielen als europäischer Maßstab dafür, wie der Markt Software-Geschäftsmodelle im KI-Zeitalter überhaupt noch bepreist. Vielleicht sind auch sie spannend genug für dein Depot…

Und nun? Sortiere doch einmal die organischen Wachstumsraten, und das Bild wird etwas klarer: Thomson Reuters 8 %, RELX 7 %, Wolters Kluwer 5 %, Clarivate rund 1 %. Die Niederländer sind also nicht der Ausreißer nach unten, aber sie liegen im Mittelfeld zum Preis des Schlusslichts.

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