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schaust du nur auf die großen US-Indizes, scheint an der Börse alles in Ordnung zu sein. Schaust du aber genauer hin, siehst du ein ganz anderes Bild. Viele Anleger fragen sich deshalb gerade, ob sich hier etwas zusammenbrauen könnte. Wir sind der Sache nachgegangen und haben Zahlen, Geschichte und Bewertungen genau geprüft.

Die Antwort fällt jedoch leicht anders aus, als die meisten Schlagzeilen vermuten lassen. Dazu erfährst du, was das alles für dein eigenes Depot bedeutet. Viel Spaß!

Marktlage

📊 Der Index lächelt, die Mehrheit leidet

Wirf einen Blick auf den S&P 500 und du könntest meinen, alles sei in Ordnung. Der wichtigste US-Index beendete den September mit einem Minus von nur 0,5 % und liegt weniger als 1 % unter seinem Rekordhoch vom August. Das ist bemerkenswert robust. Schließlich hat die US-Notenbank Fed am 16. September erstmals seit 2023 die Zinsen erhöht, auf eine Spanne von 3,75 bis 4 %. Am 1. Oktober kletterte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf rund 5,33 %, den höchsten Stand seit 2002. Und der Iran-Krieg treibt weiter die Energiepreise.

Unter der Oberfläche sieht das Bild jedoch vollkommen anders aus. Der S&P 500 ist marktkapitalisierungsgewichtet, das heißt: Je größer ein Konzern an der Börse ist, desto stärker zählt er im Index. Eine Handvoll Riesen kann so die Schwäche hunderter kleinerer Werte überdecken. Die gleichgewichtete Variante, in der jede der 500 Aktien denselben Anteil hat, verlor im September rund 5 %. Sie steuerte zudem auf ihre siebte Verlustwoche in Folge zu. Eine solche Serie gab es bisher nur 2002 und 2022, beides Jahre mit ausgewachsenen Bärenmärkten.

Noch deutlicher wird es bei der sogenannten Marktbreite. Sie misst, wie viele Aktien einen Trend tatsächlich mittragen. Ende September notierten 52 % der S&P-500-Mitglieder unter ihrer 200-Tage-Linie, einem gleitenden Durchschnitt, der den längerfristigen Trend zeigt. Und das, obwohl der Index selbst fast auf Rekordniveau steht. Dazu erreichten mehr Aktien ein neues 52-Wochen-Tief als ein 52-Wochen-Hoch, während der Index nur 2 % unter seinem Allzeithoch lag. Diese Konstellation gab es zuletzt im Jahr 2000, kurz bevor die Dotcom-Blase platzte.

Wer hat den Index also getragen? Von den elf Sektoren im S&P 500 legten im September nur zwei zu: Informationstechnologie und Kommunikationsdienste. Der Philadelphia-Halbleiterindex SOX, das Börsenbarometer der Chipbranche, gewann 9,5 %. Der größte Einzeltreiber war Meta. Die Aktie stieg im September um rund 27 % und erlebte damit ihren besten Monat seit 2013. Auslöser war der Erfolg des KI-Agenten Muse. Allein Metas Kurssprung steuerte 0,6 Prozentpunkte zur Monatsbilanz des gesamten Index bei.

Für die Skeptiker ist das ein klassisches Warnsignal. Ihr Argument: Wenn nur noch wenige Generäle kämpfen und die Truppe längst flieht, ist die Schlacht verloren. Manche technische Analysten halten es für das wahrscheinlichste Szenario, dass die Spitzenreiter nachgeben und die großen Indizes auf das Niveau der Mehrheit zurückfallen werden. Anleiheinvestor vergleichen derweil den Markt mit einem morschen Baum, der von innen ausgehöhlt ist und kurz vor dem Umstürzen stehen könnte.

Diese Sorgen scheinen dabei kaum aus der Luft gegriffen zu sein, denn der Gegenwind kommt von mehreren Seiten zugleich. Hohe Zinsen machen Anleihen zur ernsthaften Alternative zu Aktien und verteuern Kredite. Der Diesel kostete in den USA Mitte September mit 6,31 US-Dollar je Gallone so viel wie nie zuvor, ein Plus von 68 % zum Vorjahr. Dazu kommen offene Fragen zum KI-Boom: Wann verdienen Anbieter wie OpenAI und Anthropic Geld, und rechnen sich die gewaltigen Investitionen?

Auch an der Frankfurter Börse ist die Stimmung gekippt. Ende August markierte der DAX noch ein Rekordhoch bei 26.618 Punkten. Bis zum 25. September verlor er dann 3,2 % auf 25.409 Punkte. Die Verlierer zeigen, wo die Schmerzen sitzen. Rheinmetall fiel binnen 30 Tagen um 13,8 %, Vonovia um 13 %, Heidelberg Materials um 10,5 %. Vonovia ist ein Lehrstück für Zinssensibilität: Ein Immobilienkonzern mit hohen Schulden leidet doppelt, wenn Finanzierung teurer wird und Immobilienwerte unter Druck geraten.

Der Grund liegt auch in Europa bei den Zinsen. Die Europäische Zentralbank hob am 10. September den Einlagensatz um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 % an, die zweite Erhöhung in Folge. Die Inflation in der Eurozone war im August auf 3,3 % gestiegen, Energie verteuerte sich um 14,3 %. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte Mitte September rund 3,5 % und damit den höchsten Stand seit 2011. Für Häuslebauer heißt das: Zehnjährige Baufinanzierungen kosten wieder um die 4 %.

Auch im DAX gab es Gewinner, und sie passen ins Bild eines selektiven Marktes. Qiagen legte nach einem Chefwechsel und bestätigter Prognose rund 10 % zu. Der Triebwerksbauer MTU Aero Engines profitierte von neuen Wartungsaufträgen, Infineon vom Verkauf eines Geschäftsbereichs. Es fällt also nicht alles, aber es steigt eben auch längst nicht mehr alles einfach so.

Damit stehst du vor der zentralen Frage: Ist dieser gespaltene Markt das Vorspiel zu einem breiten Absturz, wie 2000 oder 2022? Oder ist er etwas anderes, nämlich ein Markt, der sehr genau unterscheidet, wer von den großen Trends dieser Zeit profitiert und wer darunter leidet? Die Antwort hängt nicht an der Marktbreite allein, sondern natürlich auch an Bewertungen, Gewinnen und an der Logik hinter den Kursbewegungen. Genau diese Logik schauen wir uns gleich noch etwas genauer an.

Konsequenzen

🧩 Warum die Spaltung des Marktes Sinn ergibt

Der Vergleich mit der Dotcom-Blase liegt nahe, hinkt aber an einer entscheidenden Stelle. Im Jahr 2000 trieben Anleger eine kleine Gruppe von Gewinnern in absurde Höhen. Microsoft und Cisco wurden damals mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen weit über 50 gehandelt. Das KGV zeigt, wie viele Jahresgewinne du für eine Aktie bezahlst. Heute läuft es andersherum: Die Spitzenreiter werden im Verhältnis zu ihren Gewinnen eher billiger.

Das beste Beispiel dafür ist vielleicht Nvidia, das wertvollste Unternehmen der Welt mit einem Börsenwert von rund 5,4 Billionen US-Dollar. Die Aktie liegt 2026 gut 24 % im Plus. Gleichzeitig ist ihr erwartetes KGV von 25,3 zum Jahresende 2025 auf 16,6 gefallen, weil die Gewinnschätzungen um 83 % gestiegen sind. Der S&P 500 kommt auf ein erwartetes KGV von 19,4. Der Chipkonzern ist damit günstiger bewertet als der Gesamtmarkt. Auch bei Meta ist die Bewertung trotz des September-Sprungs niedriger als zu Jahresbeginn.

Die Spaltung folgt zudem einer nachvollziehbaren Logik. Statt alter gegen neue Wirtschaft wie im Jahr 2000 sortiert die Börse heute in Echtzeit, wer Gewinner und wer Verlierer der KI werden könnte. Als Meta im September abhob, fiel Planet Fitness an einem einzigen Tag um 11 %. Die Sorge: Muse könnte Kunden helfen, Mitgliedschaften zu kündigen, die sie längst nicht mehr nutzen. Auch die New York Times geriet unter Druck. Der Online-Broker Charles Schwab und der Versicherer Allstate verloren jeweils mehr als 5 %, der Finanzsektor im S&P 500 rutschte um 2,4 % auf den tiefsten Stand seit Juli.

Und die Furcht hat längst auch Europa erreicht. Die Telekomkonzerne Orange und BT gaben am selben Tag rund 4 % nach. Analysten von Goldman Sachs fassen den Mechanismus so zusammen: Branchen mit wiederkehrenden Rechnungen und verhandelbaren Preisen geraten unter Druck, sobald KI-Assistenten besser vergleichen, buchen und kündigen. Die Börse übertreibt dabei vielleicht beim Tempo, aber sie handelt nicht kopflos, sondern nach einer klaren These.

Dasselbe Muster zeigt sich bei Energie. Der Rekordpreis für Diesel bringt Raffinerien außergewöhnliche Margen. Valero liegt 2026 rund 146 % im Plus, Marathon Petroleum sogar 144 %, Phillips 66 hat sich etwa verdoppelt. Auf der anderen Seite leiden Fluggesellschaften wie JetBlue und American Airlines unter hohen Treibstoffkosten. Auch die steigenden Zinsen treffen nicht alle gleich. Am härtesten trifft es Unternehmen mit variabel verzinsten Schulden oder solche, deren Gewinne erst in vielen Jahren fließen.

Ist also ein konzentrierter Markt automatisch riskanter? Portfoliomanager quantitativ arbeitender Vermögensverwalter halten diese Gleichung für falsch. Das Gedankenspiel dahinter: Würde man jedes der sieben großen Tech-Schwergewichte in sieben kleinere Firmen aufspalten, hätte man die „Magnificent 49“. Der Markt wäre breiter, das Geschäft dahinter aber exakt dasselbe. Entscheidend ist also, was die Unternehmen verdienen, nicht wie viele es sind.

Auch die Geschichte gibt eher weniger Anlass zur Panik, als du vielleicht denkst. Der Research-Dienst Bespoke stellte unlängst fest, dass eine schwache Marktbreite für sich genommen kein verlässliches kurzfristiges Verkaufssignal war. In früheren Phasen, in denen die Breite bröckelte, der Index aber stabil blieb, fielen die folgenden Renditen kaum schlechter aus. Hinzu kommt: Ein Index ist kein Baum, er erneuert sich ständig. Von den 500 Unternehmen, die 1957 im ersten S&P 500 standen, sind nur noch rund 50 dabei. Schwache Firmen fliegen raus, aufstrebende rücken nach.

Für einen versöhnlichen Jahresausklang sprechen dann doch so einige Faktoren. Der erste ist die Berichtssaison. Laut dem Datenanbieter FactSet sollen die Unternehmen im S&P 500 ihre Gewinne im dritten Quartal um 29,1 % steigern, das wäre das dritte Quartal in Folge mit mehr als 25 % Plus. Gleichzeitig ist das erwartete KGV des Index auf 19,2 gesunken und liegt damit unter dem Fünfjahresschnitt von 19,8. Wichtig ist aber das Kleingedruckte: Das Wachstum ist ebenfalls schmal verteilt. Energie soll 111 % zulegen, IT 63,5 %. Für 2027 erwarten Analysten nur noch 15,4 %.

Zweitens stehen am 3. November die Midterms an, also die US-Zwischenwahlen. Vor diesen Wahlen schwanken die Kurse traditionell stärker. Seit 1950 hat der S&P 500 in den zwölf Monaten nach einer Zwischenwahl aber kein einziges Mal im Minus gelegen. Das waren 19 Fälle in Folge, eine starke Serie, statistisch aber eine kleine Stichprobe. Drittens könnte eine Lösung im Iran-Konflikt Öl und Zinsen spürbar entlasten. Manche US-Vermögensverwalter trauen dem Index dann einen Lauf auf 8.000 Punkte zu.

Und die Stimmung? Laut Goldman Sachs ist der Sentiment-Indikator für US-Aktien tief ins Negative gerutscht und steht so niedrig wie im März. Für Börsianer ist das eher ein Kontra-Indikator: Wenn alle ängstlich sind, ist viel Schlechtes schon eingepreist.

Und was heißt das jetzt für dein Depot? Prüfe vielleicht am besten, wie stark du von einer Handvoll Tech-Werten abhängst. Wer einen klassischen S&P-500- oder MSCI-World-ETF hält, besitzt mehr Nvidia, Microsoft und Meta, als ihm oft bewusst ist. Ein gleichgewichteter S&P-500-ETF kann als Ergänzung Klumpenrisiken abfedern. Er profitiert vor allem, wenn die abgestraften Aktien aufholen. Und schau dir deine Einzelwerte mit der Frage an, auf welcher Seite der großen Trends sie stehen: KI, Energie, Zinsen. Denn sicherlich nicht jede Aktie wird von der nächsten Welle getragen, aber der Markt als Ganzes segelt weiter.

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