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in den vergangenen Tagen haben wir uns ein Unternehmen angesehen, das fast jeder in Deutschland kennt, dessen Aktie aber am Jahrestief steht. Der Konzern eröffnet gerade dreimal so viele Läden wie im Vorjahr. Klingt nach Aufbruch, oder?
Wir schauen uns natürlich auch die Kette dahinter an: einen echten Riesen, der operativ glänzt und an der Börse abstürzt. Und auf zwei Milliardendeals, die gerade eine ganze Branche neu sortieren könnten. Viel Spaß beim Lesen!
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Wunschanalyse
👓 Fielmann steigert seinen Umsatz, den Gewinn aber nicht
Die Fielmann-Aktie steht aktuell bei rund 39 Euro. Das 52-Wochen-Hoch lag bei 55 Euro, das Tief bei 38,70 Euro. Du kaufst hier also praktisch am Jahrestief, nach einem Minus von rund 29 % in zwölf Monaten. Der Börsenwert von Europas größtem Augenoptiker: 3,3 Milliarden Euro. Schnäppchen oder Warnschuss?
Zur Substanz. Fielmann betreibt 1.299 Niederlassungen, versorgt rund 30 Millionen Kunden und beschäftigt etwa 24.000 Menschen. Der Konzern schleift, fasst und montiert selbst, mit Werken in Deutschland, Polen, Tschechien, Spanien und den USA. Diese vertikale Integration (der Konzern kontrolliert die Kette von der Fertigung bis zur Kasse) schlägt sich in einer Bruttomarge von 80,1 % nieder. 4 von 5 Umsatz-Euro bleiben also zunächst im Haus.
Genau hier beginnt allerdings ein Problem. Deutschland steht mit 754,9 Millionen Euro für gut 60 % des Konzernumsatzes und wuchs im ersten Halbjahr nur um 0,8 %. Der Zentralverband der Augenoptiker meldete für 2025 einen Absatzrückgang bei kompletten Brillen um 2 % auf knapp 12 Millionen Stück, bei einem Branchenumsatz von gut 7 Milliarden Euro und nur 0,6 % Wachstum. Der Markt schrumpft in Stückzahlen. Fielmann wächst darin trotzdem, aber eben nur sehr wenig.
Die Halbjahreszahlen im Überblick: Konzernumsatz 1,25 Milliarden Euro (+1,8 %, währungsbereinigt +2,3 %), EBITDA 291,8 Millionen Euro, bereinigt 295,7 Millionen bei 23,7 % Marge, Ergebnis je Aktie 1,33 Euro nach 1,28 Euro. Solide. Aber eben nicht mehr.
Am 20. August kam der Bruch. Das Fielmann-Management kappte die Jahresprognose: Umsatz nun 2,50 bis 2,55 statt 2,55 bis 2,60 Milliarden Euro, bereinigtes EBITDA 560 bis 580 statt 590 bis 610 Millionen. Und jetzt obacht: 2025 lag das bereinigte EBITDA bei 581 Millionen Euro. Selbst am oberen Ende der neuen Spanne verdient Fielmann 2026 also weniger als im Vorjahr. Und das trotz Umsatzwachstum.
Die zweite unbequeme Wahrheit betrifft die USA. Die Erzählung lautet: Shopko Optical wird integriert, die Marge nähert sich Europa an, daraus entsteht ein gewaltiger Gewinnhebel. Die Realität im Halbjahresbericht: Die bereinigte EBITDA-Marge in den USA fiel von 14,9 % auf 12,5 %, während Europa bei 25,1 % blieb. Die Lücke hat sich also verbreitert. Das bereinigte Vorsteuerergebnis des Segments Nordamerika beträgt 0,1 Millionen Euro. In Euro gerechnet schrumpfte der US-Umsatz sogar um 3,2 %; nur währungsbereinigt steht ein Plus von 3,3 %.
Gleichzeitig steigert Fielmann das Tempo. 37 neue Niederlassungen im ersten Halbjahr, 33 weitere geplant, rund 70 im Gesamtjahr, nach 22 im Jahr 2025. Das ist eine Verdreifachung des Tempos. Finanziert wird das weitgehend aus eigener Kraft: Die Finanzverbindlichkeiten stiegen von 284,2 auf 299,6 Millionen Euro. Neue Läden zahlen sich aber erst mit Verzögerung aus, während Miete, Personal und Anlaufkosten sofort drücken. Der Personalaufwand legte um 4,7 % zu, bei 1,8 % mehr Umsatz. Genau das ist der Margendruck, den du auch künftig beachten solltest.
Beim Cashflow zeigt sich die Kehrseite deutlich. Der Free Cashflow, also das, was nach Investitionen übrig bleibt, fiel um 39,4 % auf 121 Millionen Euro. Die Ursachen: höhere Forderungen und Vorräte, gestiegene Investitionen von 45 statt 37 Millionen Euro und 23 Millionen Euro Mittelabfluss für die Übernahme einer luxemburgischen Kette. 14 Cent Free Cashflow je Umsatz-Euro war einmal… 2025. Aktuell sind es nur noch 9,7 Cent.
Es gibt aber auch echte Lichtblicke: Die Hörakustik wuchs um 8 % auf 82,8 Millionen Euro und ist zurzeit der schnellste Treiber im Warenkorb. Und das bei erst 475 von 1.299 Standorten mit Hörakustikstudio. Die Augenvorsorge legte um 6,4 % auf 33 Millionen zu, Sonnenbrillen um 6,9 %. Kontaktlinsen fielen um 4,2 %, weil das Management gegen Amazon kein Preisspiel bei Markenlinsen führen will und auf die margenstärkere Eigenmarke schwenkt. Dahinter steckt also Disziplin statt Umsatzkosmetik.
Unterm Strich erscheint Fielmann als recht gesundes Unternehmen in einem müden Markt, das gerade sehr viel Geld für zukünftiges Wachstum ausgibt und dafür ein Gewinnjahr opfert. Ob diese Rechnung aufgehen kann, zeigt sich vielleicht schon am 5. November mit den Q3-Zahlen.
Peers
🔗 Wer an deiner Brille sonst noch verdient
Wenn du bei Fielmann eine Brille kaufst, verdienen an dir eine ganze Reihe börsennotierter Unternehmen mit, und einige davon haben im laufenden Jahr noch deutlich schlechter abgeschnitten als Fielmann selbst. Der interessanteste Fall ist ausgerechnet der Branchenriese.
EssilorLuxottica ist gleichzeitig Fielmanns wichtigster Lieferant und sein größter Wettbewerber. Der Konzern liefert Marken wie Ray-Ban und Oakley in die Regale und betreibt mit Apollo und GrandVision eigene Filialketten. Operativ läuft es recht gut: Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz währungsbereinigt um 9,7 % auf 14,8 Milliarden Euro, im zweiten Quartal um 8,7 %. Das bereinigte Betriebsergebnis legte um 15 % auf 2,75 Milliarden Euro zu, der Free Cashflow auf 1,07 Milliarden. Myopie-Produkte wuchsen im Quartal um 24 %, der Umsatz mit KI-Brillen verdoppelte sich fast.
Und die Aktie? Sie notiert bei rund 150 Euro. Das bedeutet ein Minus von rund 44 % seit Jahresanfang, am unteren Rand der 52-Wochen-Spanne von 149,80 bis 281,20 Euro. Damit ist EssilorLuxottica einer der schwächsten Werte im französischen Leitindex. 23 Analysten sehen ein Kursziel von im Schnitt 242,70 Euro, Goldman Sachs kappte das Ziel zuletzt von 230 auf 200 Euro und strich die Kaufempfehlung. Nicht ganz unerheblich: Am 12. August ging eine Strafanzeige gegen Meta und den Brillenpartner wegen Datenschutzbedenken ein. Die Aktie verlor kurz danach 4,3 %.
Dahinter steht die Frage, die die ganze Branche derzeit umtreibt: Wird die Brille zum Elektronikgerät? Meta und EssilorLuxottica bieten KI-Brillen inzwischen ab 299 US-Dollar an. Warby Parker bringt im Herbst gemeinsam mit Google und Samsung seine „Intelligent Eyewear“ auf den Markt. Wenn sich das durchsetzt, verschiebt sich die Wertschöpfung vom Glasschleifer zum Chiphersteller. Und ein vertikal integrierter Fertiger wie Fielmann hätte plötzlich die falsche Fabrik.
Bei den US-Filialisten siehst du dasselbe Muster wie bei Fielmann. National Vision, die Nummer zwei im US-Optikhandel, macht es recht deutlich: 498,8 Millionen Dollar Umsatz (+2,5 %), flächenbereinigt 2,2 % mehr. Aber der durchschnittliche Bon stieg um 7,1 %, während die Kundenfrequenz um 4,9 % einbrach. Übersetzt: Weniger Menschen kaufen, und die zahlen mehr. Genau der Effekt, den Fielmanns Finanzvorstand für Deutschland beschreibt, wenn er sagt, die Wiederkaufintervalle hätten sich verlängert.
Und der Online-Angriff, vor dem alle warnen? Mister Spex hat ihn faktisch abgeblasen. Der Berliner Omnichannel-Optiker verlor im ersten Halbjahr 10 % Umsatz. Allein der Online-Umsatz brach um 20 % ein, während das Filialgeschäft um 10 % zulegte. Immerhin: Die Bruttomarge stieg auf 56,9 %, das bereinigte EBITDA um 65 % auf 3,8 Millionen Euro. Dafür gibt Mister Spex nun die Produktion an Rodenstock und die Logistik an Arvato ab. Der Standort Berlin-Spandau schließt Ende 2026.
Noch spannender vielleicht ist die Hörakustik. Hier läuft gerade der größte Umbau seit Jahrzehnten. Im März 2026 kaufte Amplifon, der weltgrößte Hörakustik-Filialist, den Hersteller GN Hearing für 17 Milliarden Dänische Kronen, also rund 2,28 Milliarden Euro. Bezahlt wurde das mit 12,6 Milliarden Kronen bar plus 56 Millionen eigener Aktien. GN Store Nord wird damit zweitgrößter Amplifon-Aktionär. Der kombinierte Konzern kommt auf etwa 3,3 Milliarden Euro Umsatz. Zuvor hatte Demant für 700 Millionen Euro die deutsche Kind-Gruppe übernommen und ist mit rund 900 Fachbetrieben nun deutscher Marktführer, vor Sonova mit Geers und 750 Standorten.
Für Fielmann ist wohl ziemlich unangenehm. Die Hörakustik ist mit 8 % Wachstum der schnellste Treiber im eigenen Warenkorb, und die Ausbaureserve ist groß: 475 von 1.299 Standorten haben ein Studio. Nur trifft Fielmann dort künftig auf drei vertikal integrierte Konzerne, die Hersteller und Handel unter einem Dach vereinen. Genau die Struktur, mit der Fielmann in der Augenoptik seit Jahrzehnten gewinnt, bauen die Konkurrenten in der Hörakustik gerade nach. Der Markt wächst laut Demant nur 4 bis 6 % pro Jahr.
Bleiben die Zulieferer. Bausch & Lomb steigerte den Umsatz im zweiten Quartal währungsbereinigt um 8 % auf fast 1,4 Milliarden Dollar, davon 784 Millionen im Segment Vision Care und 271 Millionen mit Kontaktlinsen. Das bereinigte EBITDA wuchs um 28 %, die Marge auf 17,6 %. Zum Vergleich: Fielmann kommt auf 23,7 %.
Und darin steckt die eigentliche Lektion für dich: Entlang der Kette (Zulieferer 17,6 %, Fielmann 23,7 %, Warby Parker bereinigt rund 9 %, Mister Spex knapp über null) sitzt die dickste Marge derzeit beim vertikal integrierten Filialisten. Solange die Brille ein Handwerksprodukt mit Beratung bleibt, ist das womöglich am ehesten Fielmanns Vorteil. Wird sie zum reinen Gadget, wechselt der Vorteil den Besitzer.
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