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stell dir vor, du entdeckst zwei Schnäppchen an der Börse, aber nur eines lohnt sich wirklich zu kaufen. Heute nehmen wir dich mit zu einer Regel, die schon vor Jahrzehnten Milliarden bewegt hat und bis heute erstaunlich aktuell ist.
Ein legendärer Investor, ein simples Rechenbeispiel und eine Schwelle, die viele Anleger komplett ignorieren. Dazu ein Praxisfall, der zeigt, wie Panik plötzlich zur Kaufgelegenheit wird. Los geht’s!
Rational handeln
📈 Die Templeton-Regel: Wann sich ein Aktientausch wirklich lohnen könnte
Kennst du das Gefühl? Deine Aktie ist ordentlich gelaufen, aber da draußen lockt schon der nächste vermeintliche Überflieger. Verkaufen und umschichten? Genau für dieses Dilemma hat einer der größten Investoren des 20. Jahrhunderts eine verblüffend einfache Regel entwickelt: Sir John Templeton tauschte eine Position nur dann aus, wenn die Alternative mindestens 50 % günstiger im Verhältnis zum inneren Wert war. Klingt banal? Ist es nicht.
Falls dir der Name nur vage etwas sagt: Das Magazin Money kürte John Templeton 1999 zum „wohl größten globalen Stock-Picker des Jahrhunderts“. Und das kam nicht von ungefähr. Sein Templeton Growth Fund erzielte von der Auflage 1954 bis zu seinem Rückzug 1992 eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 14,5 %. Der Fonds schlug den S&P 500 in 30 von 38 Jahren.
Seine Karriere begann mit einem Paukenschlag: Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, kaufte Templeton auf Kredit je 100 Aktien von 104 Unternehmen, die an der New Yorker Börse für weniger als 1 US-Dollar notierten, darunter 34 Firmen in der Insolvenz. Nur 4 gingen komplett pleite, der Rest bescherte ihm gewaltige Gewinne: Das Portfolio legte bei einer durchschnittlichen Haltedauer von 4 Jahren rund 400 % zu. Aus dem geliehenen Einsatz von 10.000 US-Dollar wurden rund 40.000 US-Dollar.
Templeton war zudem ein Pionier des globalen Investierens. Während US-Anleger fast nur heimische Titel kauften, suchte er weltweit nach Schnäppchen, etwa im Japan der 1960er-Jahre. Das zahlte sich spektakulär aus: Zwischen 1969 und 1974 fiel der breite US-Markt um mehr als 50 %, während Templetons Fonds, damals stark in Japan und Kanada investiert, eine positive Rendite von rund 50 % erzielte.
Nun zum Kern der Sache. Templetons berühmte Verkaufsregel lautet: Der richtige Zeitpunkt, einen Vermögenswert zu verkaufen, ist gekommen, wenn du ein deutlich besseres Schnäppchen als Ersatz gefunden hast – konkret eines, das 50 % günstiger ist. Der Maßstab ist dabei nicht der Kurs allein, sondern die Differenz zwischen Börsenpreis und innerem Wert, also dem fairen Wert, den ein Unternehmen auf Basis seiner Gewinne, Substanz und Zukunftsaussichten tatsächlich hat.
Rechnen wir das durch. Stell dir 2 Aktien vor, deren wahren Wert du jeweils auf 100 Euro taxierst. Aktie A notiert bei 50 Euro, Aktie B bei 40 Euro. Auf den ersten Blick wirkt B verlockender. Aber: Die Preisdifferenz beträgt nur 10 Euro. Geteilt durch den Preis der günstigeren Aktie, also 10 durch 40, ist B lediglich 25 % billiger als A. Nach Templeton bleibt A im Depot. Kein Tausch.
Jetzt fällt Aktie B auf 30 Euro, etwa weil der Markt in Panik verkauft, während sich am Geschäft nichts geändert hat. Die Differenz beträgt nun 20 Euro. Geteilt durch 30 ergibt das rund 66 %. Die Schwelle von 50 % ist damit deutlich überschritten. Erst jetzt sagt die Regel: Verkaufe die teurere Aktie und kaufe die günstigere.
Die hohe Hürde ist wichtig: Deine Schätzung des inneren Werts ist immer nur eine Schätzung. Vielleicht liegst du bei Aktie B um 20 % daneben. Bei einem Abschlag von 50 % bleibt trotzdem genug Puffer übrig. Das ist nichts anderes als die berühmte Margin of Safety, die Sicherheitsmarge also, die Value-Investoren seit Benjamin Graham predigen. Templeton hat sie schlicht auf den Tauschvorgang übertragen.
Der zweite Grund: Kosten und Steuern. Jeder Verkauf löst in Deutschland Abgeltungsteuer auf Gewinne aus. Wer ständig hin- und herschichtet, weil irgendwo eine Aktie 10 oder 15 % günstiger aussieht, verbrennt Rendite. Genau davor schützt die 50-%-Hürde: Sie macht Tauschgeschäfte selten und damit billig.
Der dritte und vielleicht wichtigste Grund ist psychologischer Natur. Ohne feste Regel entscheidet dein Bauch und der ist an der Börse ein eher schlechtger Ratgeber. Eine simple, mechanische Schwelle nimmt die Emotion aus dem Spiel. Du musst nicht mehr grübeln, ob der Tausch sich richtig anfühlt. Du rechnest nach, und die Zahl entscheidet.
Templeton selbst war Disziplin in Person und das schon vor seiner Börsenkarriere. Nach dem Abschluss in Oxford reiste er mit einem Kommilitonen um die Welt, besuchte 35 Länder und hatte dafür exakt 200 Pfund budgetiert. Er teilte das Geld sogar auf und schickte es sich selbst an verschiedene Stationen der Route, um die finanzielle Disziplin zu wahren.
Dieselbe Nüchternheit zeigte er beim Verkaufen. Bereits 1988 sagte er seinen Anlegern voraus, dass der japanische Aktienmarkt um 50 % oder mehr schrumpfen würde. Wenige Jahre später fiel der Tokioter Aktienindex tatsächlich um 60 %. Er hatte Japan da längst verlassen, weil anderswo die besseren Schnäppchen lagen. Genau das ist die 50-%-Regel in Aktion: Er verkaufte nicht aus Angst, sondern weil die Alternative rechnerisch überlegen war.
Auch beim Platzen der Dotcom-Blase bewährte sich der Ansatz. Getreu seinem antizyklischen Motto hatte er den Großteil seiner Tech-Aktien rechtzeitig verkauft, und sein Fonds verlor zwischen 2000 und 2003 nur 2 %, während weltweit die Indizes abstürzten. Parallel wettete er gegen 84 überteuerte Nasdaq-IPOs und deckte viele Positionen zu einem Zwanzigstel des Verkaufskurses ein. Eine Aktie etwa shortete er bei 40 US-Dollar und kaufte sie bei 2 US-Dollar zurück.
Du siehst: Hinter der schlichten Formel steckt ein komplettes Investment-System. Gleich zeigen wir dir, wie du die Regel konkret in deinem Depot anwenden kannst.
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Würdest du eine Aktie nach der Templeton-Regel tauschen?
Psychologie
💡 Antizyklisch denken: Wenn Angst zum Vorteil wird
Vorhin hast du die Mechanik kennengelernt: Getauscht wird nur, wenn die neue Aktie im Verhältnis zum inneren Wert mindestens 50 % günstiger ist als die alte. Jetzt wird es praktisch, denn eine Regel ist nur so gut wie ihre Umsetzung.
Die Templeton-Regel setzt voraus, dass du für jede Position eine Vorstellung vom inneren Wert hast. Das klingt nach Raketenwissenschaft, muss es aber nicht sein. Templeton selbst arbeitete mit klassischen Kennzahlen: Ihn interessierten weder Wachstumsstorys noch Trends, sondern allein Größen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis und das Kurs-Buchwert-Verhältnis. Erschienen zusätzlich die Gewinnerwartungen für die nächsten 5 Jahre positiv, kaufte er. Das KGV setzt dabei den Kurs ins Verhältnis zum Jahresgewinn je Aktie, das KBV vergleicht den Kurs mit dem bilanziellen Eigenkapital.
Praktisch heißt das: Führe eine einfache Tabelle mit deinen Positionen und deiner Werteinschätzung, die du quartalsweise aktualisierst. Notiere je Aktie den geschätzten fairen Wert, den aktuellen Kurs und den daraus resultierenden Abschlag. So siehst du auf einen Blick, welche Position am wenigsten Luft nach oben hat. Und das ist dann auch der natürliche Tauschkandidat, falls ein echtes Schnäppchen auftaucht.
Zur Erinnerung die Formel: Preisdifferenz geteilt durch den Preis der günstigeren Aktie. Erst ab 50 % wird gehandelt. Wichtig ist dabei brutale Ehrlichkeit bei der Werteinschätzung der neuen Aktie. Der häufigste Fehler: Man verliebt sich in die Story des Neuzugangs und rechnet den inneren Wert schön, bis die 50-%-Hürde plötzlich fällt. Templeton machte es umgekehrt: Er untersuchte ausschließlich Aktien, die vom Markt komplett vernachlässigt wurden. Alle anderen hielt er gar nicht erst für eine Analyse wert.
Ein realistisches Beispiel: Du hältst eine Qualitätsaktie, die nach starkem Lauf bei 90 Euro notiert. Dein fairer Wert liegt bei 100 Euro, der Abschlag also bei mageren 10 %. Nun findest du einen soliden Nebenwert für 45 Euro, dessen inneren Wert du konservativ auf 80 Euro schätzt. Die Differenz zwischen beiden Kursen beträgt 45 Euro, geteilt durch 45 Euro sind das 100 %. Also klarer Fall: Die Hürde ist locker genommen. Bei nur 60 Euro Kurs des Nebenwerts wären es dagegen lediglich 50 % – ein Grenzfall.
Genau hier liegt die Eleganz der Templeton-Regel: Sie definiert den Verkauf nicht über den Kursverlauf, sondern über den Vergleich zweier Werte. Die 50-%-Regel zwingt dich, in der Panik genauer hinzuschauen, denn ausgerechnet dann entstehen die Abschläge, bei denen ein Tausch rechnerisch Sinn ergeben könnte.
Wie profitabel dieser Blick auf verschmähte Märkte sein kann, zeigt eine weitere Templeton-Episode: 1985 hatten politische Instabilität und galoppierende Inflation den argentinischen Aktienmarkt extrem unterbewertet. Templeton stieg ein und erzielte binnen 4 Monaten einen Gewinn von 70 %.
So gut die Regel ist, sie hat Voraussetzungen. Erstens: Sie funktioniert nur, wenn deine Wertschätzungen halbwegs belastbar sind. Bei Unternehmen, deren Geschäft du nicht durchdringst, hilft dir keine Formel. Templeton selbst mied schwer bewertbare Branchen. Vor allem stark regulierte Industrien mochte er nicht, und Sektoren wie Biotech hielt er für kaum bewertbar.
Zweitens ersetzt die Regel kein Risikomanagement. Templeton setzte seinen Portfoliomanagern klare Grenzen: nie mehr als 50 % in einer Branche, einem Land oder einer Währung. Auch wenn eine neue Aktie die 50-%-Hürde nimmt, wenn sie dein Depot einseitig macht, ist Zurückhaltung angebracht. 10 bis 15 Positionen reichen für eine vernünftige Streuung meist aus, mehr verwässert nur deine besten Ideen.
Die Regel macht dich zwangsläufig zum Geduldsinvestor. In Phasen, in denen der ganze Markt teuer ist, findest du schlicht keine Alternative, die 50 % besser wäre. Also passiert nichts. Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Templeton verbrachte den Großteil seiner Karriere wartend, und genau diese Tatenlosigkeit unterschied ihn von der zappelnden Mehrheit.
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