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hast du schon mal auf einen Chart gestarrt und gedacht: Gleich geht's los? Dann bist du in bester Gesellschaft. Schon vor über 130 Jahren suchten Anleger in Kurslinien den Weg zum Reichtum. Heute im Newsletter geht es genau um diese Suche. Um einen Zeitungsmann, der den bekanntesten Börsenindex der Welt erfand. Und um einen Spekulanten, der Millionen gewann und sie wieder verlor.

Vor allem aber geht es um die Frage, was uns Charts wirklich verraten können. Die Antwort ist überraschender, als du vielleicht denkst. Lies rein, bevor du das nächste Mal auf ein Kaufsignal klickst. Viel Spaß beim Lesen!

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Charts

📈 Die Kunst, aus Kurven Rendite herauszulesen

Stell dir vor, ein Freund ruft an und empfiehlt dir eine Aktie. Was das Unternehmen herstellt, weiß er nicht genau, die Bilanz hat er nie gesehen. Er hat nur einen Chart, und der verspricht einen Ausbruch. Klingt absurd? Für Millionen Anleger ist genau das ein wichtiger Anhaltspunkt. Willkommen in der Welt der technischen Analyse, auch Charttechnik genannt: dem Versuch, allein aus Kursverlauf und Handelsvolumen die künftige Richtung abzulesen.

Die Wurzeln dieser Disziplin liegen in einer Redaktionsstube. Charles Henry Dow gründete 1882 mit Edward Jones und Charles Bergstresser den Verlag Dow Jones & Co., 1889 folgte das Wall Street Journal. 1896 erschien erstmals der Dow Jones Industrial Average, damals mit zwölf Werten und 40,94 Punkten. Der Verlag gehört heute zum Medienkonzern News Corp, der Index bündelt 30 US-Schwergewichte.

Ein Buch hat Dow nie geschrieben, und das Wort „Theorie“ benutzte er selbst nicht. In seinen Leitartikeln aber beschrieb er drei ineinandergreifende Bewegungen: tägliches Rauschen, Zwischenschwünge über einige Wochen und die große Welle über mehrere Jahre. Einen echten Haupttrend sah er erst bestätigt, wenn Industrie- und Eisenbahnindex gemeinsam stiegen oder fielen. Die Logik dahinter: Fabriken produzieren, Züge transportieren. Den Begriff „Dow-Theorie“ prägte erst 1903 sein Anhänger Samuel Nelson. Dows Nachfolger als Chefredakteur, William Peter Hamilton, machte daraus ein Prognosewerkzeug. In 255 Leitartikeln zwischen 1902 und 1929 sagte er die Marktrichtung voraus, 1922 erschien sein Buch „The Stock Market Barometer“. Seine Grundannahme lautete: Im Kurs steckt bereits alles, was irgendwer weiß, hofft oder befürchtet.

Doch genau hier lauert ein verbreiteter Denkfehler. Dieselbe Prämisse bildet den Kern der Effizienzmarkthypothese, die der Ökonom Eugene Fama 1970 formalisierte. Fama zieht aber den gegenteiligen Schluss: Wenn alle Informationen eingepreist sind, folgen Kurse einem Zufallspfad, und vergangene Muster verraten nichts über die Zukunft. Schon in ihrer schwächsten Form erklärt die Hypothese also ausgerechnet die Charttechnik für nutzlos. Für Vanguard-Gründer John Bogle war das die Begründung für Indexfonds: Wer den Markt nicht schlagen kann, kauft ihn komplett.

Der schillerndste Praktiker jener Epoche hieß Jesse Livermore. Mit 14 Jahren schrieb er im Bostoner Büro von Paine Webber Kurse an die Tafel. Das Haus ist heute Teil der Schweizer UBS. Dabei fielen ihm wiederkehrende „Gewohnheiten der Preise“ auf. Er setzte vor der Panik von 1907 und vor dem Crash von 1929 auf fallende Kurse, und sein Vermögen soll zeitweise 100 Millionen Dollar erreicht haben. Trotzdem ging er mehrfach pleite, 1934 mit Schulden von über 2,2 Millionen Dollar. Als er am 28. November 1940 starb, überstiegen seine Verbindlichkeiten sein Vermögen.

Manche Charttechniker berufen sich auf einen noch älteren Gewährsmann: Leonardo von Pisa, genannt Fibonacci. Sein Rechenbuch „Liber Abaci“ von 1202 brachte Europa die indisch-arabischen Ziffern. Darin steht auch eine Zahlenfolge, die indische Gelehrte schon Jahrhunderte vorher kannten. Jede Zahl ist die Summe der beiden vorherigen: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21. Teilst du eine Zahl durch ihre Vorgängerin, näherst du dich dem Goldenen Schnitt von 1,618. Daraus leiten Charttechniker heute sogenannte Retracements ab, also Rücksetzermarken, an denen sich Orders sammeln sollen. Und über die Jahrzehnte wuchs ein ganzer Werkzeugkasten. Kerzencharts, die Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss eines Tages in einem Symbol bündeln, stammen beispielsweise von japanischen Reishändlern aus dem 18. Jahrhundert. Ralph Nelson Elliott beschrieb 1938 seine Wellentheorie. J. Welles Wilder stellte 1978 den Relative-Stärke-Index vor, der überkaufte und überverkaufte Phasen anzeigen soll. John Bollinger entwickelte in den 1980ern Schwankungsbänder um einen gleitenden Durchschnitt.

In Deutschland gilt die 200-Tage-Linie, kurz GD200, als Klassiker. Sie markiert den Durchschnitt der Schlusskurse der letzten 200 Handelstage. Notiert der DAX darüber, gilt der Trend als intakt. Rutscht er darunter, melden Börsenkommentare ein Verkaufssignal. Bleibt die entscheidende Frage: Funktioniert das alles überhaupt? Oder sehen Chartisten Figuren in Wolken, die nur in ihrem Kopf existieren? Der Lösung nähern wir uns gleich, und zwar mit über 100 Jahren an Daten, ein paar unbequemen Studien und einer Überraschung, die selbst Skeptiker ins Grübeln bringen könnte.

Studien

🔬 Was 130 Jahre Daten über Charttechnik verraten

Der erste große Härtetest kam früh. 1934 prüfte der Ökonom Alfred Cowles Hamiltons Prognosen von 1902 bis 1929. Sein Urteil war vernichtend: Wer den Leitartikeln aus dem Hause Dow gefolgt wäre, hätte schlechter abgeschnitten als mit simplem Kaufen und Halten. Jahrzehntelang galt die Dow-Theorie damit als erledigt.

1998 rechneten dann aber drei Finanzprofessoren, Stephen Brown, William Goetzmann und Alok Kumar, die Daten neu durch, diesmal risikobereinigt. Hamilton lag bei der kurzfristigen Richtung in rund 60 % der Fälle richtig. Seine Strategie lieferte mehr Ertrag je eingegangener Schwankung, weil sie große Abstürze teilweise umschiffte. Nach 1929 fraßen Handelskosten den Vorsprung weitgehend auf, nur die geringere Schwankung blieb. Ähnlich wechselhaft verlief die Forschung zu gleitenden Durchschnitten. 1992 testeten William Brock, Josef Lakonishok und Blake LeBaron 26 einfache Regeln auf Dow-Jones-Daten von 1897 bis 1986 und fanden kräftige Belege, allerdings ohne Handelskosten. 1999 prüfte ein Team um Allan Timmermann, ob die Sieger nur Glückstreffer aus unzähligen Varianten waren. Fachleute nennen das Data Snooping: Wer lange genug sucht, findet in jedem Datensatz ein Muster. In den Folgejahren 1987 bis 1996 zeigte die beste Regel keinen nennenswerten Vorsprung mehr.

Eine Übersichtsarbeit von Cheol-Ho Park und Scott Irwin aus dem Jahr 2007 zählte 95 moderne Studien. 56 fanden Gewinne, 20 nicht, 19 kamen zu gemischten Ergebnissen. Die Autoren warnen jedoch selbst vor nachträglich ausgewählten Regeln und unterschätzten Kosten. Der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister zeigte zudem, dass einfache Signale auf Tagesbasis seit den 1990ern deutlich an Wirkung verloren haben.

Und jetzt die Überraschung: Gerade die Trendfolge, also Dows Grundidee in Reinform, erweist sich als erstaunlich zäh. Forscher untersuchten 67 Märkte aus Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Währungen von 1880 bis 2016. Die simple Regel „kaufe, was gestiegen ist, verkaufe, was gefallen ist“ brachte nach Kosten in jedem einzelnen Jahrzehnt ein Plus, im schwächsten immerhin 4,1 % pro Jahr. Entscheidend waren dabei jedoch eine breite Streuung und langsame Signale über Monate statt Minuten. Am Aktienmarkt heißt der verwandte Effekt Momentum, den es als Faktor-ETF gibt, etwa den iShares Edge MSCI World Momentum Factor.

Keine Überraschung: Profis nutzen Charts ohnehin. Lukas Menkhoff, damals Finanzprofessor in Hannover, befragte 692 Fondsmanager in fünf Ländern. Die große Mehrheit setzt auf technische Analyse, und bei einem Horizont von wenigen Wochen ist sie ihnen sogar wichtiger als die Fundamentalanalyse, also die Bewertung von Gewinnen, Bilanz und Geschäftsmodell. Je länger der Anlagehorizont, desto stärker kippt bei ihnen das Verhältnis zugunsten der Fundamentaldaten.

Für Privatanleger fällt die Bilanz aber deutlich ernüchternder aus. Brad Barber und Terrance Odean werteten 66.465 US-Depots der Jahre 1991 bis 1996 aus. Die aktivsten Händler schichteten mehr als 2,5x pro Jahr um und erzielten 11,4 % jährlich, der Markt dagegen 17,9 %. In Brasilien verloren 97 % der Daytrader, die mindestens 300 Tage durchhielten, Geld, und nur 0,4 % verdienten mehr als ein Bankangestellter.

Was heißt das für dich? Charts zeigen Stimmung, Trends und Risiken, eine Glaskugel sind aber auch sie nicht. Wer trotzdem technische Signale nutzt, sollte vielleicht am ehesten träge Trendregeln wählen und nie mehr riskieren, als er verlieren kann. Livermore schrieb, Spekulation sei nichts anderes als das Vorwegnehmen kommender Bewegungen. Er selbst gewann mehrere Vermögen, verlor aber auch jedes davon wieder.

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