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was bedeutet es eigentlich, klug zu investieren? Nicht schneller sein als der Markt. Nicht mehr Mut beweisen als andere. Sondern: die richtigen Fragen stellen.

Eine davon ist so grundlegend, dass die meisten Anleger sie ihr ganzes Leben nie bewusst stellen: Was ist Risiko wirklich?

Die Antwort, die Du in dieser Ausgabe findest, ist nicht die aus dem Lehrbuch. Sie kommt von Buffett, Munger, Graham und den Zahlen selbst. Und sie wird vielleicht die Art, wie Du Kursschwankungen betrachtest, für immer verändern. Viel Spaß beim Lesen.

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Börsenmathe

🎓 Das große Missverständnis: Volatilität ist nicht Risiko

Stell Dir vor, Du kaufst einen gebrauchten Sportwagen. Du zahlst 40.000 Euro, und eine Woche später bietet Dein Nachbar dasselbe Modell für 25.000 Euro an. Jetzt fragen wir Dich: Hat sich Dein Risiko erhöht oder verringert? Die meisten Finanzprofessoren würden sagen: erhöht. Denn der Preis ist gefallen, die Kursschwankung, die sogenannte Volatilität, ist gestiegen. Du wärst laut Lehrbuch plötzlich Besitzer eines „risikoreicheren" Assets. Warren Buffett würde dazu nur den Kopf schütteln.

Willkommen bei einem der größten Missverständnisse der modernen Finanzwelt. Seit Jahrzehnten lehren Universitäten, dass Risiko und Volatilität dasselbe sind. Volatilität ist dabei die Kursschwankung einer Aktie im Zeitverlauf, gemessen über die sogenannte Standardabweichung, also wie stark ein Kurs von seinem Durchschnittswert abweicht. Je mehr ein Kurs auf und ab springt, desto „riskanter" gilt die Aktie. Klingt intuitiv. Es ist aber, um Charlie Munger zu zitieren, schlicht und ergreifend „Nonsens".

Woher kommt diese Definition überhaupt? Sie entstammt der modernen Portfoliotheorie (MPT), die Harry Markowitz in den 1950er Jahren entwickelte, und dem Capital Asset Pricing Model (CAPM), das darauf aufbaut. Diese eleganten Modelle benötigen mathematisch saubere Risikomaße, und Volatilität lässt sich wunderbar in Formeln packen. Das Beta zum Beispiel, eine Kennzahl aus dem CAPM-Modell, misst, wie stark eine Aktie im Vergleich zum Gesamtmarkt schwankt. Ein Beta von 1,5 bedeutet: Steigt der Markt um 10 %, steigt die Aktie um 15%. Fällt er um 10 %, fällt sie um 15 %. Mehr Beta bedeute mehr Risiko, sagt die Theorie.

Das Problem: Die Modelle messen das, was messbar ist, und nicht das, was zählt. Howard Marks, Mitgründer von Oaktree Capital und einer der womöglich klügsten Köpfe im Asset Management, bringt es auf den Punkt: Volatilität ist die Wahl der Akademiker, weil sie messbar ist, nicht, weil sie das Richtige misst. Und Munger ergänzte einmal: „Praktisch jeder misst den Dingen, die sich quantifizieren lassen, übermäßige Bedeutung bei, weil sie sich den statistischen Methoden unterwerfen, die ihm an der Universität beigebracht wurden.“ Mit anderen Worten: Was sich nicht messen lässt, wird ignoriert. Auch wenn es das Eigentliche wäre.

Was ist das Eigentliche? Die Antwort der erfolgreichsten Investoren der letzten 100 Jahre ist verblüffend eindeutig: Risiko ist die Wahrscheinlichkeit eines dauerhaften, permanenten Kapitalverlusts. Nicht der zwischenzeitliche Kursrutsch. Nicht das Auf und Ab an einem volatilen Handelstag. Sondern die reale Chance, dass Du Dein eingesetztes Geld nie wieder siehst. Noch einmal Charlie Munger: „Risiko bedeutet für uns das Risiko eines dauerhaften Kapitalverlusts oder das Risiko einer unzureichenden Rendite.“ Punkt. Keine Standardabweichung. Keine Beta-Koeffizienten.

Hier liegt der entscheidende logische Bruch der akademischen Theorie. Wenn eine Aktie von 80 Euro auf 50 Euro fällt, steigt die gemessene Volatilität. Das Modell signalisiert dann: Achtung, hohes Risiko! Ein echter Investor jedoch denkt: dieselbe Aktie, dasselbe Unternehmen, dieselben Gewinne, aber 37,5 % günstiger zu haben. Das Risiko ist gesunken, nicht gestiegen. Buffett brachte das 2003 im Vorwort zu Benjamin Grahams Klassiker „The Intelligent Investor" auf die Formel: „Wenn man einen Dollar für 60 Cent kauft, ist das riskanter, als wenn man einen Dollar für 40 Cent kauft, aber die Aussicht auf Gewinn ist im letzteren Fall größer.“ Ein Satz, der die gesamte akademische Risikolehre auf den Kopf stellt.

Werfen wir einen Blick auf die nüchternen Zahlen des Marktes. Der S&P 500 (der wichtigste US-Aktienindex mit 500 der größten börsennotierten amerikanischen Unternehmen) hat seit dem 19. Jahrhundert in Bärenmärkten, also in Phasen, in denen ein Markt mindestens 20 % vom Hoch verliert, im Schnitt rund 35 % an Wert verloren. Das klingt nach viel. Es wird jedoch deutlich dramatischer, wenn man die großen Krisen einzeln betrachtet: Beim Platzen der Dotcom-Blase zwischen 2000 und 2002 verlor der Index fast 50 % von seinem Hoch. In der globalen Finanzkrise 2008 waren es sogar knapp 57 %. Strukturelle Bärenmärkte, also jene, die nicht durch kurzfristige Schocks, sondern durch fundamentale Wirtschaftsprobleme ausgelöst werden, kommen im Schnitt auf fast 60 % Rückgang.

Und jetzt kommt der Punkt, der wirklich wehtut. Wer 50 % seines Portfolios verliert, braucht anschließend keine 50 % Gewinn, um wieder auf null zu kommen, sondern volle 100 %! Aus 10.000 Euro werden nach einem Minus von 50 % noch 5.000 Euro. Um zurück auf 10.000 Euro zu kommen, müssen sich diese 5.000 Euro verdoppeln. Das ist der mathematische Grund, warum dauerhafter Kapitalverlust so vernichtend ist und warum Value-Investoren (Anleger, die Aktien deutlich unterhalb ihres inneren Werts kaufen) so besessen davon sind, Verluste zu vermeiden, bevor sie überhaupt über Gewinne nachdenken.

Aber warum hält sich die akademische Sichtweise dann so hartnäckig? Weil sie für die Finanzindustrie außerordentlich bequem ist. Buffett machte darauf einmal unmissverständlich aufmerksam: Wenn jeder Berater und jede Investmentbank ihren Kunden offen kommunizieren würde, dass ein Depot in einem schlechten Jahrzehnt um 70 % einbrechen kann, wäre die Branche vermutlich ein Bruchteil ihrer heutigen Größe. Stattdessen verkauft man Modelle, die scheinbar Sicherheit suggerieren, und vergisst dabei die historisch belegten Ausreißer. Das Dotcom-Modell der späten 1990er hatte keinerlei historische Vorlage. Das Subprime-Modell vor 2008 auch nicht. Beide Risiken ließen sich nicht mit Standardabweichung einfangen und beide führten zu finanziellen Katastrophen.

Benjamin Graham, der geistige Vater des Value Investing und Buffetts wichtigster Mentor, fasste die richtige Haltung bereits vor Jahrzehnten zusammen: „Ein ernsthafter Anleger wird wohl kaum glauben, dass ihn die täglichen oder monatlichen Schwankungen an der Börse reicher oder ärmer machen." Wer diese eine Erkenntnis wirklich verinnerlicht, hat einen der wichtigsten Gedankensprünge in seiner Börsenkarriere geschafft.

Quelle: Deutsches Aktieninstitut

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🧮 100 Euro wert, 40 Euro bezahlt: Das Geheimnis der Sicherheitsmarge in Zahlen

Jetzt wird es praktisch. Denn es ist eine Sache, akademische Modelle zu bemängeln, aber eine andere, daraus konkrete Handlungsprinzipien zu entwickeln. Die gute Nachricht: Wer Risiko als dauerhaften Kapitalverlust versteht, bekommt automatisch ein vollkommen anderes Verhältnis zu Marktkorrekturen, Kursschwankungen und Bärenmärkten. Und dieses andere Verhältnis ist nicht nur philosophisch interessant, es schlägt sich messbar in der langfristigen Rendite nieder.

Beginnen wir mit dem wichtigsten Werkzeug des Value Investors: der Sicherheitsmarge, auf Englisch „Margin of Safety". Das Konzept stammt von Benjamin Graham und ist denkbar simpel. Du versuchst herauszufinden, was ein Unternehmen wirklich wert ist, seinen sogenannten inneren Wert oder intrinsischen Wert. Das gelingt über die Analyse von Bilanzen, Gewinnen, Cashflows und langfristigen Geschäftsaussichten. Und dann wartest Du, bis der Börsenkurs deutlich unter diesem Wert liegt, bevor Du kaufst. Je größer der Abschlag, desto geringer ist Dein echtes Risiko, unabhängig davon, was die Volatilitätsmodelle sagen.

Ein konkretes Zahlenbeispiel macht das greifbar. Nehmen wir 👉Coca-Cola, eines der bekanntesten Value-Investments der Geschichte und jahrzehntelang eine Kernposition von Warren Buffett. Angenommen, Du analysierst die Aktie und kommst zu dem Schluss, dass sie 70 Euro wert ist, was in etwa dem aktuellen Kursniveau entspricht. Kaufst Du sie also heute zum Marktpreis, hast Du schlicht keine Sicherheitsmarge. Null Puffer. Wenn Deine Bewertung um nur 20 % zu optimistisch war und der wahre Wert eher bei 56 Dollar liegt, sitzt Du sofort auf einem Buchverlust.

Genau hier liegt der Unterschied zur Value-Investing-Logik: Ein echter Margin-of-Safety-Investor würde bei Coca-Cola warten, bis der Kurs auf etwa 49 Dollar fällt. Das entspräche einem Abschlag von 30 % auf den angenommenen inneren Wert. Dann hätte er selbst bei einem Analysefehler von 30 % noch eine Aktie gekauft, die fair bewertet ist. Beim heutigen Kurs von 70 Dollar hingegen muss alles exakt so eintreffen, wie Du es eingeschätzt hast – kein Spielraum für Irrtümer, keine Rückendeckung gegen Überraschungen. Genau das meinte Buffett mit dem Satz über den Dollar für 40 Cent: Der Preis, den Du zahlst, bestimmt Dein Risiko, nicht die Schwankung des Kurses am nächsten Handelstag.

Aber funktioniert das auch in der Praxis? Die Datenlage ist eindeutig. Laut einer Analyse von Dimensional Fund Advisors haben Value-Aktien, also Aktien, die gemessen an fundamentalen Kennzahlen wie Kurs-Buchwert oder Kurs-Gewinn-Verhältnis günstig bewertet erscheinen, seit 1927 in den USA durchschnittlich 4,4 Prozentpunkte pro Jahr mehr Rendite erzielt als Wachstumsaktien. In Jahren, in denen der Value-Ansatz besonders stark war, betrug die Outperformance sogar nahezu 15 % pro Jahr. Eine Studie der Cornell University aus dem Jahr 2026, die fast 5 Jahrzehnte Marktdaten auswertete, kommt zu dem Schluss: Value-Investing-Zyklen dauern typischerweise 5 bis 7 Jahre, und der Ansatz ist keineswegs überholt, sondern schlicht zyklisch.

Wer also die letzten 15 Jahre als Beweis nimmt, dass Value Investing tot sei, begeht einen Fehler. In der Phase zwischen 2008 und etwa 2023 gab es eine historisch außergewöhnlich lange Dominanz von Wachstumswerten, getrieben durch Nullzinsen und die Tech-Euphorie. Seit 1927 wechseln sich Value- und Growth-Zyklen jedoch regelmäßig ab. Wer die zugrunde liegende Logik versteht, lässt sich davon nicht aus dem Konzept bringen.

Quelle: Deutsches Aktieninstitut

Zurück zur Frage des Risikos und wie man es aktiv managen kann. Es gibt ein paar konkrete Maßnahmen, die einen Value-Investor gegen echte Risiken schützen können. Erstens: ausreichende Diversifikation, also die Verteilung des Kapitals auf verschiedene Unternehmen und Branchen, sodass kein einzelner Fehler das gesamte Depot ruinieren kann. Zweitens: Hedging, also das gezielte Absichern von Positionen mit Instrumenten wie Optionen. Und drittens, am allerwichtigsten: konsequentes Investieren mit Sicherheitsmarge.

Es gibt allerdings eine Risikokategorie, die selbst die besten Modelle und die klügsten Analysen nicht einfangen können: den schwarzen Schwan. Dieser Begriff, geprägt vom libanesisch-amerikanischen Essayisten und Statistiker Nassim Taleb, beschreibt Ereignisse, die rar sind, einen enormen Einfluss haben und im Nachhinein stets als unvermeidlich erscheinen. Der Dotcom-Crash. Der Fall von Lehman Brothers 2008. Eine plötzliche Hyperinflation. Niemand saß im Jahr 1999 da und sagte mit Überzeugung: „In drei Jahren verlieren Tech-Aktien 80 %.“ Genauso wenig rechnete 2005 jemand ernsthaft damit, dass der US-Immobilienmarkt das globale Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs bringen würde.

Was schützt Dich vor dem Unvorhersehbaren? Keine Formel. Kein Algorithmus. Und erst recht kein Beta-Koeffizient. Was schützt, ist die konsequente Weigerung, für Vermögenswerte zu viel zu bezahlen. Denn je günstiger Du kaufst, desto mehr Puffer hast Du, bevor Dir ein schwarzer Schwan ernsthaft schaden kann. Wer den S&P 500 im März 2009 auf dem Tiefstand kaufte, hatte gegen spätere Schwankungen einen gewaltigen Puffer. Wer ihn im Januar 2000 auf dem Hoch kaufte, saß neun Jahre später immer noch auf Verlust.

Die eigentliche Botschaft ist diese: Risiko zu verstehen ist keine akademische Übung. Es ist die Grundvoraussetzung für jeden Anleger, der langfristig Vermögen aufbauen will, ohne dabei auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Wer Volatilität mit Risiko gleichsetzt, verkauft in schlechten Zeiten – genau dann, wenn er kaufen sollte. Wer dauerhaften Kapitalverlust als das echte Risiko begreift, handelt ruhiger, geduldiger und am Ende profitabler. Und genau davor schützt Dich ein einziger, konsequent angewandter Grundsatz: Kaufe nie mehr, als ein Unternehmen wirklich wert ist.

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