Guten Morgen {{vorname}},

es gibt eine Zahl, die wir seit Tagen nicht loswerden. Sie stammt aus einem Buch von 1972 und sie erklärt, warum die meisten Depots nie das werden, was sie hätten sein können.

Der Autor war kein Guru, sondern Redakteur beim Wall Street Journal. Er hat einfach nachgerechnet. Und das Ergebnis ist dann doch recht unbequem..

Heute schauen wir uns an, was seine Rechnung wirklich aussagt und was 100 Jahre Kursdaten dazu sagen, die er damals noch nicht hatte. Viel Spaß beim Lesen!

Geduld

⏳ Warum 100X fast komplett in den letzten 5 Jahren entsteht

Es gibt eine Rechnung aus dem Jahr 1972, die vermutlich mehr über verpasste Vermögen erklärt als jede Verhaltensstudie. Sie stammt von Thomas Phelps, einem Wall-Street-Journal-Redakteur und Anlageberater, der ein ganzes Buch der Frage widmete, wie aus 10.000 Dollar eine Million werden kann.

Sein Ergebnis: Damit sich eine Aktie in 25 Jahren verhundertfacht, muss sie 20,2 % pro Jahr zulegen. Die 25. Wurzel aus 100. Verkaufst du dieselbe Aktie aber bereits nach 20 Jahren, hältst du nicht 80 % des Ergebnisses in der Hand, sondern nur das 39,8-Fache. Also nicht einmal 40 % des möglichen Outputs. Die restlichen 60 Einheiten entstehen erst in den letzten 5 Jahren der Anlagelaufzeit.

Diese Formulierung wird oft falsch verstanden, deshalb hier präzise: Dein Kapital wächst in diesen letzten 5 Jahren nur um das 2,5-Fache. Aber weil es von einem hohen Sockel aus wächst, entspricht dieser Zuwachs 60 % des Endvermögens. 

Noch unbequemer wird es, wenn du dir die Zwischenstände anschaust. Nach 5 Jahren stehst du beim 2,5-Fachen. Nach 10 Jahren beim 6,3-Fachen. Nach 15 Jahren beim 15,8-Fachen. Das heißt: Nach 15 Jahren Geduld, nach anderthalb Jahrzehnten Hauptversammlungen, Quartalszahlen, Crashs und Erholungen, hältst du erst 15 % dessen, was am Ende dastehen kann. 85 % liegen dann noch vor dir.

Genau hier wird es psychologisch höchst spannend. In den mittleren Jahren der Laufzeit passiert gefühlt nichts. Die Position ist im Plus, aber nicht spektakulär. Die Daten dazu sind eindeutig. Nach Zahlen des Börsenweltverbands hielten Käufer eine Aktie 1980 im Schnitt noch rund 10 Jahre. Seit 2005 liegt die durchschnittliche Haltedauer in jedem einzelnen Jahr unter 12 Monaten, 2008 waren es knapp 4 Monate, 2022 immerhin 6. 

Und was das Umschichten kostet, lässt sich ebenfalls beziffern. Morningstar vergleicht in seiner Studie „Mind the Gap" jährlich die Fondsrendite mit dem, was der durchschnittlich investierte Dollar tatsächlich erwirtschaftet hat. Über die 10 Jahre bis Ende 2024: 8,2 % Fondsrendite, 7 % Anlegerrendite. Die Lücke von 1,2 Prozentpunkten entspricht rund 15 % der gesamten Rendite. 

Wir rechnen die Morningstar-Lücke trotzdem einmal in Phelps' Beispiel hinein. Aus 20,2 % werden 19 %. Nach 25 Jahren stehst du dann nicht beim 100-Fachen, sondern nur beim 77-Fachen. Ein Verzicht von 1,2 Prozentpunkten pro Jahr kostet dich fast ein Viertel des Endvermögens.

Daraus folgt keine Empfehlung zum blinden Festhalten, sondern wohl eher eine unbequeme Doppelaufgabe: Du musst durch die zähen mittleren Jahre kommen, in denen nur ganz wenig passiert. Und dann musst du in den späten Jahren mit Positionsgrößen leben, bei denen ein normaler Bärenmarkt schmerzhafter wird als jeder Totalverlust am Anfang. Bleibt die Frage, ob 20,2 % über 25 Jahre überhaupt eine realistische Zielgröße sind, oder ob Phelps eine mathematisch saubere, aber praktisch fast unerreichbare Latte gelegt hat. Dafür gibt es inzwischen Daten, die 1972 noch niemand hatte. Gleich mehr dazu.

Empfiehl uns weiter auf X, Instagram, TikTok und Co. Nutze dafür am besten Deinen Referral-Link: {{ rp_refer_url }}

Noch mehr Studien

🔬 Was ein Jahrhundert Kursdaten zu Phelps' Rechnung sagt

Hendrik Bessembinder von der Arizona State University hat getan, was Phelps mit den Mitteln von 1972 noch nicht konnte: Er hat die Renditen von 29.078 US-Aktien von Dezember 1925 bis Dezember 2023 durchgerechnet. Buy-and-hold, Dividenden re-investiert, volle Lebensdauer jeder Aktie. 51,6 % dieser Aktien hatten am Ende eine negative kumulierte Rendite.

Der zweite Befund ist der für uns entscheidende. 17 Aktien haben aus 1 Dollar mehr als 50.000 Dollar gemacht. Spitzenreiter ist Altria – aus einem Dollar wurden 2,65 Millionen. Dahinter folgen Vulcan Materials, Kansas City Southern, General Dynamics, Boeing, IBM, Eaton, S&P Global, Coca-Cola und PepsiCo. Also simples Business mit Tabak, Schotter, Eisenbahn, Rüstung und Limonade.

Und jetzt kommt eine Zahl, die Phelps' Rechnung in ein anderes Licht rückt: Die annualisierte Rendite dieser 17 besten Aktien des Jahrhunderts lag im Schnitt bei 13,47 %. Altria als absoluter Sieger schaffte 16,29 % pro Jahr. Nicht 20. Nicht 25.

Das bedeutet konkret: Phelps' Zielrendite von 20,2 % über 25 Jahre liegt oberhalb dessen, was die beste US-Aktie der letzten 100 Jahre über ihre Lebensdauer geliefert hat. Bei 16,3 % brauchst du 30 Jahre bis zum 100-Fachen. Bei 13,47 % sind es 36 Jahre. Die Verhundertfachung ist möglich, aber der nötige Zeitrahmen ist eine Generation, nicht ein Vierteljahrhundert.

Christopher Mayer hat Phelps' Studie 2015 mit modernen Daten wiederholt und für den Zeitraum 1962 bis 2014 exakt 365 sogenannte 100-Bagger gefunden. Das ist kurioserweise dieselbe Zahl wie Phelps für 1932 bis 1971. Sein empirischer Durchschnitt: 26 Jahre bis zur Verhundertfachung. Rund 300 der Werte brauchten zwischen 16 und 45 Jahren. Rechne diese 26 Jahre zurück, und du landest bei 19,4 % pro Jahr, verblüffend nah an Phelps' 20,2 %. Die Rendite-Anforderung stimmt also. Nur die Haltedauer war von Phelps einen Tick zu optimistisch angesetzt worden.

Es geht auch schneller, aber die Ausnahmen bestätigen die Regel eher, als sie zu entkräften. Die höchste Jahresrendite aller Aktien mit mindestens 20 Jahren Historie erzielte Nvidia mit 33,38 %. Bei diesem Tempo reichen 16 Jahre. Die 10 schnellsten 100-Bagger in Mayers Studie schafften es sogar in 4,2 bis 7,3 Jahren. Solche Werte im Voraus zu identifizieren ist allerdings monströs schwer.

Für die Einordnung in heimischen Zahlen: Das Deutsche Aktieninstitut misst für den DAX bei 20 Jahren Anlagedauer im historischen Schnitt 8,7 % Rendite pro Jahr, über 30 Jahre 8,8 %. Bei 8,8 Prozent braucht der Index 55 Jahre für die Verhundertfachung. Ein Index ist eben kein 100-Bagger. 

Und wie unangenehm der Weg selbst bei den Gewinnern ist, hat Bessembinder in seiner Studie vermessen. Unter den 100 erfolgreichsten Aktien je Jahrzehnt seit 1950 lag der größte Kursrückgang während des Erfolgsjahrzehnts im Schnitt bei 32,5 %. Im Jahrzehnt davor waren es im Schnitt 51,6 %. Netflix-Aktionäre beispielsweise erlebten in den 2010ern einen Rückgang von 79,9 % über 16 Monate – in genau dem Jahrzehnt, das sie reich machte. Hättest du die Aktie so lange gehalten?

Amazon verlor im Dotcom-Crash fast 90 %, Apple durchlief mehrfach Rückgänge von 60 bis 70 %. Monster Beverage war 1999 schon einmal ein 100-Bagger, wurde vom Dotcom-Crash zurück in den einstelligen Bereich geprügelt und brauchte weitere 10 Jahre.

Was folgt nun aus all dem ganz praktisch? Erstens: Setze die Erwartung vielleicht besser auf 30 statt 25 Jahre. Wer mit 26 Jahren plant statt mit 15, gerät in Jahr 12 nicht in Panik, wenn erst das Sechsfache dasteht. Zweitens: Trenne Kursschwäche von Geschäftsschwäche. Ein Rückgang um 50 % ist bei den historischen Siegern der Normalfall gewesen, nicht das Warnsignal. 

Drittens, und das ist der Punkt, an dem sich Phelps und die Statistik am deutlichsten reiben: 4 % aller US-Aktien seit 1926 erklären die gesamte Netto-Vermögensbildung des Marktes. Die anderen 96 % lieferten zusammen nicht mehr als kurzlaufende Staatsanleihen. Konzentration ist die Bedingung für einen 100-Bagger. Und sie ist gleichzeitig die wahrscheinlichste Ursache dafür, dass du keinen bekommst. 

Aber vielleicht hast du ja den nötigen Mumm und die Geduld. Es braucht die Vision, die richtige Aktie zu erkennen, den Mut, sie zu kaufen, und die Geduld, sie zu halten – und Geduld ist das Seltenste der drei. 

Wie hat Dir der Newsletter gefallen?

Login or Subscribe to participate

Erstellung und Verbreitung: Dieser Beitrag wurde von einem Redakteur der Finanzen.net GmbH, Gartenstraße 67, 76135 Karlsruhe, erstellt. Wir, die Finanzen.net Zero GmbH, haben diesen Beitrag unverändert in diesem Mailing übernommen. Die Finanzen.net GmbH hat uns zugesichert, dass dieser Beitrag mit größter Sorgfalt erstellt und zuvor keinem anderen Empfängerkreis zugänglich gemacht worden ist.

Interessen und Interessenkonflikte: Der erstellende Redakteur hält Eigenpositionen an den besprochenen Finanzinstrumenten.

Die Finanzen.net ZERO GmbH profitiert wirtschaftlich davon, wenn Empfänger dieses Mailings die besprochenen Finanzinstrumente über unsere Brokerfunktion handeln.

Disclaimer: Wir, die Finanzen.net ZERO GmbH, übernehmen keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der in diesem Beitrag enthaltenen Informationen. Dieser Beitrag stellt weder ein Angebot, eine Aufforderung zum Erwerb oder Verkauf eines Finanzinstruments, noch eine Empfehlung oder Anlageberatung dar. Eine Anlageentscheidung sollte keinesfalls ausschließlich auf die Informationen in diesem Beitrag gestützt werden. Geldanlagen in Finanzinstrumente sollten immer unter langfristigen Gesichtspunkten und unter Berücksichtigung der persönlichen Kenntnisse, Erfahrungen, finanziellen Verhältnisse und Anlageziele getätigt werden. Anleger sollten bedenken, dass sie bei der Investition in Finanzinstrumente Verluste bis zum Totalverlust des investierten Kapitals (bei einigen Finanzinstrumenten sogar über das eingesetzte Kapital hinaus) erleiden können. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.