Guten Morgen {{vorname}},

heute schauen wir auf eine Branche, die gerade Geschichte schreibt. Und das mit Zahlen, die du so wahrscheinlich noch nicht gesehen hast. Und mit einem Risiko, das nicht von der Konkurrenz kommt, sondern aus dem Labor.

Die gute Nachricht: Du hast noch Zeit, das alles zu durchdringen. Die interessante Nachricht: Es wird vermutlich komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Viel Spaß beim Lesen.

Empfiehl uns weiter auf X, Instagram, TikTok und Co. Nutze dafür am besten Deinen Referral-Link: {{ rp_refer_url }}

Boom

💰 41,5 Milliarden in einem Quartal, und das soll erst der Anfang sein…

41,5 Milliarden Dollar Umsatz. Nicht im Jahr, im Quartal. Micron Technology hat für das dritte Quartal 2026 Zahlen vorgelegt, die selbst hartgesottene Halbleiteranalysten sprachlos gemacht haben.

Zum Vergleich: Im selben Quartal des Vorjahres erzielte Micron gerade mal 9,3 Milliarden Dollar Umsatz. Das entspricht einem Zuwachs von 346 % innerhalb von nur 12 Monaten. Das operative Ergebnis, also der Gewinn aus dem eigentlichen Geschäftsbetrieb, lag bei 33,5 Milliarden Dollar, bei einer operativen Marge von 81,2 %. Viele Software-Unternehmen träumen von solchen Margen.

Den größten Anteil am Umsatz liefert das DRAM-Segment. Das sind die flüchtigen Arbeitsspeicher-Chips, die Daten nur so lange speichern, wie Strom fließt. Mit 31,5 Milliarden Dollar und einem Wachstum von 343 % gegenüber dem Vorjahr macht DRAM 76 % des Gesamtumsatzes aus. NAND-Flash, der nicht-flüchtige Speicher für dauerhafte Datensicherung, steuerte 9,9 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 361 %. Der Free Cashflow, also das Geld, das nach allen Investitionen tatsächlich übrig bleibt, erreichte mit 18,3 Milliarden Dollar einen neuen Rekord. Für das laufende Quartal stellt Micron rund 50 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht.

Doch die Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Mindestens so bedeutsam wie die Quartalszahlen sind die 16 strategischen Kundenverträge (sogenannte Strategic Customer Agreements, kurz SCAs), die Micron mittlerweile abgeschlossen hat. Noch im Vorquartal war es lediglich einer. Diese Verträge laufen mehrheitlich über 5 Jahre, bieten Mindestpreise und garantieren Micron nach eigenen Angaben bei diesen Untergrenzpreisen allein schon 100 Milliarden Dollar kumulierten Umsatz. Der tatsächliche Erlös wird aber wohl deutlich höher ausfallen.

Was steckt hinter dieser Vertragsoffensive? Das Speicherchip-Geschäft war jahrzehntelang ein klassischer Spotmarkt. Preise schwankten quartalsweise, Gewinne wurden in Boomphasen abgeschöpft und in Abschwüngen weggewaschen. Dieses Modell bricht gerade auf. Microns Chief Business Officer Sumit Sadana brachte es im letzten Call auf den Punkt: „We have very good visibility to a five-year time horizon." Ein Speicherchip-Hersteller, der fünf Jahre vorausplanen kann, ist ein völlig anderes Geschäftsmodell als das, was die Branche bisher kannte.

Samsung und SK Hynix, die beiden koreanischen Erzrivalen im Speicherchip-Geschäft, ziehen nach. Samsung führt LTA-Rahmenwerke (Long-Term Agreements) für Neukunden ein, will Verträge von der bislang üblichen Quartals- oder Jahresbasis auf 3 bis 5 Jahre ausdehnen. SK Hynix verhandelt Berichten zufolge mit Google über einen Fünfjahresvertrag für DRAM-Lieferungen. Selbst Nvidia und Tesla fordern auf der Abnehmerseite Lieferverträge mit bis zu 5 Jahren Laufzeit. Und das nicht weil sie die Hersteller bevorzugen wollen, sondern weil sie Angst vor Versorgungslücken haben.

Die Ursache für diese kollektive Nervosität liegt auf der Hand: Neue Fertigungskapazitäten, sogenannte Fabs, entstehen nicht über Nacht. Die Investitionsoffensive aller großen HBM-Hersteller wird frühestens Ende 2027 in nennenswertem Umfang zu mehr Angebot führen. Micron steigerte seinen Capex, also seine Investitionen in Maschinen, Anlagen und Gebäude, im ersten Quartal 2026 um 68 % auf 5,39 Milliarden Dollar. Samsung plant Investitionen von rund 650 Milliarden Dollar in die südkoreanische Halbleiterinfrastruktur ein.

Besonders begehrt und gleichzeitig besonders knapp ist High Bandwidth Memory (HBM), also Hochbreitbandspeicher. Das sind speziell gestapelte DRAM-Chips, die direkt neben oder auf dem Prozessor sitzen und extrem hohe Datenübertragungsraten ermöglichen. Aktuell sind sie unverzichtbar für KI-Beschleuniger. JP Morgan prognostiziert für den HBM-Markt eine jährliche Wachstumsrate von 79 % zwischen 2024 und 2027. Der Markt soll von derzeit 3,98 auf 12,44 Milliarden Dollar bis 2031 anwachsen. TrendForce erwartet, dass HBM-Vertragspreise bis 2027 nochmals ein Mehrfaches des heutigen Niveaus erreichen werden.

Nomura Securities spricht mittlerweile offen von einem „Triple Supercycle", einem gleichzeitigen, sich gegenseitig verstärkenden Boom bei DRAM, NAND und HBM. Das Gesamtmarktvolumen aller Speicherchips könnte 2026 auf bis zu 445 Milliarden Dollar steigen, nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Counterpoint Research nennt es treffend einen „unprecedented structural super-cycle", also einen fundamentalen Paradigmenwechsel. Das Besondere: Die Verlagerung der Kapazitäten hin zu KI-optimiertem HBM-Speicher engt gleichzeitig das Angebot für konventionelles DRAM ein. Ein selbstverstärkender Engpass, der noch Jahre andauern dürfte.

Ausblick

🔁 Das Jevons-Paradox: Warum Effizienz den Hunger nach Chips nicht stillen kann

„It's in short supply. It's expensive, and we don't use it.“ So fasste Andrew Feldman, CEO des KI-Chip-Startups Cerebras, beim ersten Earnings Call seines jungen Börsenlebens zusammen, warum sein Unternehmen auf HBM vollständig verzichtet. Damit hat Feldman in aller Öffentlichkeit ausgesprochen, was viele Technologiekonzerne hinter verschlossenen Türen denken: Speicherchips sind teuer, knapp und ein Risiko. Und wer clever ist, denkt sich Wege drum herum.

Qualcomm haut in dieselbe Kerbe. Beim Investorentag am 24. Juni 2026 (just an dem Tag, an dem Micron seine Rekordquartalszahlen präsentierte) stellte der Chipkonzern seinen neuen HBC-Chip vor. HBC steht für High Bandwidth Compute. Dahinter steckt ein Ansatz, der statt des teuren und knappen HBM handelsüblichen LPDDR- und GDDR-Speicher nutzt, wie er in Smartphones und Laptops steckt. Microsofts KI-Rechenzentren sollen diesen Chip einsetzen. Meta hat Qualcomms Server-CPU Dragonfly GF C1000 bereits übernommen. Die Massenproduktion beginnt 2028. Es gibt also durchaus einen Plan B.

Auch Nvidia selbst sucht nach Spielraum. Man diskutiert bereits intern, bei einigen Konfigurationen seiner kommenden Vera-Rubin-Plattform die Menge an System-DRAM zu reduzieren. Der Hintergrund: HBM macht bei modernen KI-Beschleunigern bereits 35 bis 50 % der gesamten Hardwarekosten aus. Bei der Vorgänger-Architektur lag dieser Anteil noch bei rund 15 %. Wenn HBM teurer wird, steigt der Kostendruck auf den gesamten Chip exponentiell.

Achtung! Im März 2026 veröffentlichte Google Research ein Paper über TurboQuant. Das ist ein Kompressionsverfahren, das den sogenannten KV-Cache großer Sprachmodelle auf 3 Bit komprimiert. Der KV-Cache ist der Arbeitsspeicher, den ein KI-Modell während der Textgenerierung für Zwischenergebnisse benötigt. TurboQuant schrumpfte diesen Speicherbedarf um das Sechsfache, und zwar ohne Einbußen bei der Modellqualität. Gleichzeitig stieg die Verarbeitungsgeschwindigkeit auf Nvidias H100-GPUs um bis zu 800 %.

Der Markt reagierte fast schon panisch. Micron verlor im Anschluss fast ein Drittel seines Börsenwerts. SanDisk brach um 5,7 % ein, Western Digital um 4,7 %, Seagate um mehr als 2 %. Die Botschaft war eindeutig: Wenn Software effizienter mit Speicher umgeht, braucht die Welt weniger Chips. Analysten beschrieben die Reaktion schnell als übertrieben und lagen damit richtig. Seit dem Tief hat sich Microns Kurs mehr als verdreifacht.

Warum ist diese Panik vielleicht trotzdem lehrreich? Weil sie ein echtes Risiko sichtbar macht. TurboQuant greift bislang nur beim Inferenz-Speicher, also dem Einsatz von KI-Modellen, nicht beim Training. Experten beschreiben es zudem als Laborergebnis, das noch keine breite Marktreife hat. Dennoch illustriert die Episode das Kerndilemma: Der Speicherchip-Boom ruht auf einem technologischen Status quo. Wer diesen Status quo verändert, bewegt am Ende womöglich viele Milliarden.

Hier lohnt ein Blick auf das sogenannte Jevons-Paradoxon, benannt nach dem britischen Ökonomen William Stanley Jevons, der im 19. Jahrhundert beobachtete, dass effizientere Kohlenutzung den Kohleverbrauch insgesamt erhöhte, weil Effizienz Anwendungen erst wirtschaftlich macht. Gleiches könnte bei KI-Speicher eintreten: Wer Speicher effizienter nutzt, kann größere Modelle bauen, mehr Anfragen parallel bearbeiten und neue Anwendungsfälle erschließen. Und er braucht am Ende eben wieder mehr Chips. Der Effizienzvorteil frisst sich damit selbst auf.

Wichtig bleiben die die Verträge. Microns langfristige Liefervereinbarungen laufen mehrheitlich 5 Jahre, umfassen Mindestpreise und garantieren laut Futurum-Analyst Rolf Bulk selbst bei Untergrenzpreisen Margen, die über historischen Spitzenwerten früherer Zyklen liegen. Das war in einem Markt, der sich einst wie Rohöl verhielt, lange undenkbar. Ob diese Verträge im Ernstfall halten, ist offen. Die Halbleiterbranche kennt genug Fälle, in denen Liefervereinbarungen stillschweigend aufgelöst wurden, als sich das Marktumfeld drehte.

Fazit: Für die nächsten 2 bis 3 Jahre spricht vieles dafür, dass der Engpass anhält. Neue Kapazitäten kommen frühestens Ende 2027, die Verträge schützen Micron auch danach. Aber die Tech-Industrie sitzt nicht tatenlos daneben. Alle großen Player arbeiten daran, weniger Speicher verbauen zu müssen. Für Investoren bedeutet das: Der Boom ist da, der Zeithorizont ist absehbar, und das Risiko liegt nicht im nächsten Quartal, sondern in der nächsten Innovation.

Wie hat Dir der Newsletter gefallen?

Login or Subscribe to participate

Du willst diesen Newsletter nur noch an bestimmten Tagen bekommen? Gar kein Problem!

Erstellung und Verbreitung: Dieser Beitrag wurde von einem Redakteur der Finanzen.net GmbH, Gartenstraße 67, 76135 Karlsruhe, erstellt. Wir, die Finanzen.net Zero GmbH, haben diesen Beitrag unverändert in diesem Mailing übernommen. Die Finanzen.net GmbH hat uns zugesichert, dass dieser Beitrag mit größter Sorgfalt erstellt und zuvor keinem anderen Empfängerkreis zugänglich gemacht worden ist.

Interessen und Interessenkonflikte: Der erstellende Redakteur hält Eigenpositionen an den besprochenen Finanzinstrumenten.

Die Finanzen.net ZERO GmbH profitiert wirtschaftlich davon, wenn Empfänger dieses Mailings die besprochenen Finanzinstrumente über unsere Brokerfunktion handeln.

Disclaimer: Wir, die Finanzen.net ZERO GmbH, übernehmen keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der in diesem Beitrag enthaltenen Informationen. Dieser Beitrag stellt weder ein Angebot, eine Aufforderung zum Erwerb oder Verkauf eines Finanzinstruments, noch eine Empfehlung oder Anlageberatung dar. Eine Anlageentscheidung sollte keinesfalls ausschließlich auf die Informationen in diesem Beitrag gestützt werden. Geldanlagen in Finanzinstrumente sollten immer unter langfristigen Gesichtspunkten und unter Berücksichtigung der persönlichen Kenntnisse, Erfahrungen, finanziellen Verhältnisse und Anlageziele getätigt werden. Anleger sollten bedenken, dass sie bei der Investition in Finanzinstrumente Verluste bis zum Totalverlust des investierten Kapitals (bei einigen Finanzinstrumenten sogar über das eingesetzte Kapital hinaus) erleiden können. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.

Weiterlesen