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neulich hat ein Quantenrechner in Sekunden erledigt, wofür ein Supercomputer angeblich ein Jahrhundert bräuchte. Klingt nach Zukunft, hat aber schon begonnen. Die Börse sieht das genauso. Quantenfirmen stürmen aufs Parkett, Washington verteilt Milliarden und Analysten rufen neue Kursziele aus.
Wir haben mal wieder etwas genauer hingeschaut. Was können die Maschinen heute wirklich, was steckt hinter den Rekorden und wie viel Zukunft bezahlst du mit, wenn du jetzt schon kaufst? Viel Spaß beim Lesen!
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Quantencomputer
🔬 Weltrekord im Seilspringen, aber noch kein Marathon
19 Sekunden vs. 110 Jahre: Mit diesem Vergleich ging Ende September ein Experiment um die Welt. Ein Quantenprozessor von IBM soll in gut einer Drittelminute erledigt haben, wofür der Supercomputer Frontier über ein Jahrhundert bräuchte. Klingt nach Science-Fiction, ist aber erst einmal nur ein Preprint, also eine Studie, die noch kein unabhängiges Gutachten durchlaufen hat. Die Details lohnen sich trotzdem. Das Team des US-Softwarehauses BlueQubit nutzte IBMs Prozessor Nighthawk r2 und schaltete 61 Qubits zusammen, die Recheneinheiten eines Quantencomputers, die anders als klassische Bits mehrere Zustände gleichzeitig annehmen können. Über 36 Zyklen und 918 Zwei-Qubit-Gatter, also Rechenoperationen zwischen zwei Qubits, entstanden eine Million Messergebnisse. Klassisch nachgerechnet wären dafür rund 1,2 mal 10 hoch 27 Operationen nötig.
Jetzt kommt der Haken. Die Aufgabe heißt Random Circuit Sampling: Der Rechner führt zufällig zusammengewürfelte Schaltkreise aus und liefert Bitfolgen, die niemand für etwas Nützliches braucht. Die 110 Jahre gelten zudem nur für eine bestimmte Simulationsmethode, bessere Algorithmen könnten den Abstand deutlich schrumpfen lassen. Also vielleicht eher ein Weltrekord im Seilspringen, aber noch kein Marathon.
Wo Quantenrechner heute wirklich etwas tun, zeigt die Medizin. Die Cleveland Clinic hat zusammen mit IBM und dem japanischen Forschungsinstitut Riken ein Protein mit 12.635 Atomen simuliert, so groß wie nie zuvor auf Quantenhardware. Dafür liefen IBM-Heron-Prozessoren in Cleveland und Japan im Verbund mit Supercomputern wie Fugaku. Das Projekt steht im Finale des Gordon-Bell-Preises, der Mitte November in Chicago vergeben wird.
Auch die Pharmaindustrie investiert, wenn auch mit kühlem Kopf. Amgen, einer der größten Biotech-Konzerne der Welt, war 2024 an der ersten großen Finanzierungsrunde von Quantinuum beteiligt, die JPMorgan anführte, und stieg 2025 erneut ein. Die Kalifornier suchen nach dem sogenannten Quantenvorteil, also dem Punkt, an dem ein Quantenrechner eine nützliche Aufgabe effizienter löst als der beste klassische Supercomputer. Kosten senken will Amgen damit vorerst nicht, sondern wissenschaftliche Fragen beantworten, an denen heutige Werkzeuge scheitern.
Auch in der DACH-Region wird längst gerechnet. Seit April läuft der erste Nighthawk-Prozessor auf europäischem Boden, Volkswagen hat auf Nighthawk bereits Simulationen veröffentlicht. In Lugano soll bis Jahresende das erste IBM Quantum System Two der Schweiz stehen, gemeinsam mit der ETH Zürich und Lockheed Martin. Der Bund hat bis 2026 rund 3 Milliarden Euro für Quantentechnologie reserviert, das Garchinger Start-up planqc baut für das Leibniz-Rechenzentrum eine Maschine mit 1.000 Qubits.
Richtig Tempo macht natürlich mal wieder Washington. Im Mai sagte das Handelsministerium neun Firmen rund 2 Milliarden Dollar zu, im Gegenzug für staatliche Minderheitsbeteiligungen. Die Hälfte geht an IBM für Anderon, eine eigene Chipfabrik für Quantenprozessoren, die IBM-Aktie legte daraufhin an einem Tag um 12 % zu. Im Juni folgten Präsidentenerlasse: Bis 2028 soll ein fehlertoleranter Quantencomputer, also einer, der seine eigenen Rechenfehler erkennt und korrigiert, an einem nationalen Labor stehen. Wie ambitioniert diese Frist ist, verrät ausgerechnet das Pentagon. Die Forschungsbehörde DARPA prüft in ihrer Quantum Benchmarking Initiative, ob sich bis 2033 überhaupt eine wirtschaftlich sinnvolle Maschine bauen lässt. Microsoft hat Ende September in Maryland ein 15.000 Quadratfuß großes Forschungszentrum eröffnet, in dem DARPA-Prüfer erstmals direkt an Microsofts Majorana-2-Chip testen dürfen. Microsoft selbst peilt kommerzielle Systeme für 2029 an. Parallel kündigte IonQ an, ein System im Quantenforschungszentrum von Nvidia in Boston aufzustellen, direkt gekoppelt an dessen KI-Supercomputer. Installiert wird allerdings erst 2027.
Der wahre Treiber solcher Staatsgelder ist sicherlich die IT-Sicherheit. Der Shor-Algorithmus kann große Zahlen in ihre Primfaktoren zerlegen und damit Verfahren wie RSA knacken, auf denen Onlinebanking und digitale Signaturen beruhen. Google rechnete zuletzt vor, dass dafür rund eine Million fehleranfälliger Qubits in weniger als einer Woche reichen könnten, 2019 lag die Schätzung noch bei 20 Millionen. Google will seine eigenen Systeme deshalb bis 2029 umstellen. Dahinter steckt eine perfide Logik namens „Store now, decrypt later“: Angreifer sammeln heute verschlüsselte Daten und warten einfach, bis die Rechner stark genug sind. Für dich als Anleger wird das spätestens dann relevant, wenn Banken, Versicherer und Behörden Milliarden in neue Verschlüsselung stecken müssen.
Hier in Deutschland gibt es dafür seit Februar ein Datum. Das BSI hat in seiner Technischen Richtlinie TR-02102 festgelegt, dass RSA und elliptische Kurven ab Ende 2031 nur noch kombiniert mit Post-Quanten-Kryptografie laufen sollen, also mit Verfahren, an denen sich auch Quantenrechner die Zähne ausbeißen. Für besonders schutzbedürftige Daten gilt Ende 2030, klassische Signaturen bekommen Aufschub bis 2035. Die EU verlangt von ihren Mitgliedsstaaten bereits bis Ende 2026 nationale Fahrpläne.
Merke: Fortschritte sind bereits messbar und die Geldströme gewaltig. Nur liegt der Zeitpunkt, an dem Quantenrechner im großen Stil Geld verdienen könnten, wohk eher zwischen 2029 und 2033. Genau daraus ergibt sich die spannende Frage für dein Depot: Wie viel dieser fernen Zukunft steckt heute schon in den Kursen?
Wie stehst du zu Quanten-Aktien?
Zahlen
💸 Wo der Umsatz endet und die Fantasie beginnt
Quantinuum, die Quantentochter von Honeywell, platzierte im Juni 28 Millionen Aktien zu 60 Dollar, deutlich über der ursprünglich angepeilten Spanne von 45 bis 50 Dollar, und sammelte damit 1,68 Milliarden Dollar ein. Am ersten Handelstag eröffnete die Aktie bei 68 Dollar, was kurz einem Börsenwert von 17,6 Milliarden Dollar entsprach. Dazu kamen die SPAC-Deals von Infleqtion und IQM, also Börsengänge über eine bereits gelistete Mantelgesellschaft. Laut McKinsey flossen schon 2025 weltweit 12,6 Milliarden Dollar in Quantenfirmen, fast die Hälfte des privaten Geldes kam über den Kapitalmarkt.
Doch schau dir einmal die Zahlen hinter diesem Rausch an. Quantinuum setzte im zweiten Quartal 8 Millionen Dollar um, ein Plus von 279 %, und erwartet für das Gesamtjahr 28 bis 32 Millionen Dollar. Unter dem Strich stand ein Verlust von 597 Millionen Dollar, getrieben von aktienbasierten Vergütungen rund um den Börsengang, bereinigt fehlten 68 Millionen Dollar. Im Sommer notierte die Aktie rund 13 % unter dem Ausgabepreis und kostete trotzdem etwa das 500-Fache des erwarteten Jahresumsatzes. Diese Kennzahl heißt Kurs-Umsatz-Verhältnis, bei Industriekonzernen gelten Werte um 2 als normal. Positiver Free Cashflow ist für 2030 angepeilt, ein Polster von 2,1 Milliarden Dollar in der Kasse verschafft dem Unternehmen womöglich die nötige Zeit.
Etwas spannender sieht der Fall IonQ aus. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz um 287 % auf 80,1 Millionen Dollar. Anfang September hob das Management die Jahresprognose von 280 bis 290 auf 450 bis 460 Millionen Dollar an. Der Sprung stammt aber vor allem aus SkyWater, einem US-Chipauftragsfertiger, den IonQ Ende Juli für rund 1,8 Milliarden Dollar übernommen hat. Der vermeintliche Quanten-Pure-Play verdient also einen guten Teil seines Geldes mit klassischen Halbleitern. Genau das spiegelt die neue Kaufempfehlung der Bank of America wider. Das Kursziel von 60 Dollar beruht auf einem siebenfachen Umsatzmultiplikator für das Quantengeschäft, für die Chipfertigung setzt die Bank nur das Zweifache an. Am Tag der Studie schloss die Aktie bei 44,58 Dollar, seit Jahresbeginn steht nur ein Plus von gut 3 %. Analysten erwarten, dass der operative Verlust vor Abschreibungen 2027 auf rund 483 Millionen Dollar anschwillt, Mizuho hat das Kursziel bereits auf 52 Dollar gesenkt.
Ein Detail elektrisiert gerade Kryptoanleger. IonQ hat vorgerechnet, dass ein System mit 20.000 Qubits die digitalen Signaturen von Bitcoin in 26 Tagen fälschen könnte. Das ist momentan nur eine Modellrechnung, und IonQs neues 256-Qubit-System Superion wird erst 2027 ausgeliefert. Es zeigt aber, warum die Debatte auch für dein Kryptodepot wichtig werden könnte.
Bei den Kleineren wird es dann eher dünn. D-Wave meldete im zweiten Quartal 3,1 Millionen Dollar Umsatz, exakt so viel wie im Vorjahr, und verweist auf Aufträge über 35,5 Millionen Dollar im ersten Halbjahr. Rigetti kam auf 5,1 Millionen Dollar und sitzt auf 541 Millionen Dollar Cash ohne Schulden. IQM aus Finnland, mit großem Standort in München, setzte im ersten Halbjahr 8,9 Millionen Euro um und verlor operativ 60,5 Millionen Euro. Infleqtion, stark bei militärischen Sensoren und Atomuhren, verdoppelte den Quartalsumsatz zwar auf 12,6 Millionen Dollar, schreibt aber ebenfalls tiefrote Zahlen.
Und der Riese? IBM will in fünf Jahren 10 Milliarden Dollar in Quanten stecken, hat das Forschungslabor HRL übernommen und über 90 Systeme ausgeliefert. Die Aktie fiel seit Januar dennochg deutlich. Schuld daran waren ein Einbruch im Großrechnergeschäft um 42 % und eine gesenkte Wachstumsprognose von nur noch 4 bis 5 %. Die Quantenfantasie hält den Kurs bestenfalls stabil, ziehen kann sie ihn derzeit nicht.
Europa schaut beim Geldverdienen mal wieder nur zu. Nach Diagnose der EU-Kommission fließen nur rund 5 % des weltweiten privaten Quantenkapitals nach Europa, in die USA mehr als die Hälfte. Der geplante EU Quantum Act ist noch nicht einmal vorgelegt, und selbst IQM zog es für den Börsengang zuerst an die Nasdaq, Helsinki kam nur als Zweitnotiz dazu. Wer das Thema breiter spielen will, findet inzwischen UCITS-ETFs, also nach EU-Recht regulierte Indexfonds. Der WisdomTree Quantum Computing UCITS ETF kostet 0,5 % pro Jahr und verwaltet gut 340 Millionen Dollar, daneben gibt es einen Quanten-ETF von VanEck. Beide streuen über Hardware, Software und Großkonzerne, entkommen aber nicht der Bewertungsfrage, die über dem ganzen Sektor schwebt.
Das Fazit fällt deshalb zweigeteilt aus. Technologisch hat die Branche 2026 echte Meilensteine geliefert, an der Börse wird aber bereits ein Geschäft bezahlt, das frühestens um 2030 nennenswerte Gewinne abwirft. Wer hier einsteigt, kauft eher eine Option auf die Zukunft und sollte seine Position vielleicht am besten so klein halten, dass ein Rückschlag um die Hälfte das Depot nicht aus der Bahn wirft.
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