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erinnerst du dich an die Zeit, als Geld fast nichts gekostet hat? Für den KI-Boom war genau das der Treibstoff. Heute schauen wir uns an, was passiert, wenn dieser Treibstoff teurer wird. Denn die Zinsen in den USA haben eine Marke erreicht, die es seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr gab.

Dazu gibt es ein paar Zahlen, die du kennen solltest, bevor du die nächste KI-Aktie kaufst. Viel Spaß beim Lesen!

KI-Boom

📉 Wenn Geld wieder Geld kostet

Am 1. Oktober ist an den Anleihemärkten etwas passiert, das viele Anleger bislang nur aus Geschichtsbüchern kannten: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 5,33 %. So hoch lag sie zuletzt 2002. Zum Jahresstart waren es noch rund 4,15 %, kurz vor Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar sogar weniger als 4 %. Warum dich das interessieren sollte, auch wenn du keine einzige US-Anleihe im Depot hast? Die „Zehnjährige“ ist der Ankerpunkt für nahezu alle Kredite der Welt. Sie gilt als praktisch ausfallsicher, deshalb muss jeder andere Schuldner mehr bieten als Washington.

Die Gründe für den Ausverkauf stapeln sich. Da ist der Ölpreis: Laut BMO Capital Markets lag die Korrelation zwischen US-Rohöl und Zehnjahresrendite zuletzt bei 0,96, beide bewegten sich also fast im Gleichschritt. Da ist der Schuldenberg der USA, der jüngst die Marke von 40 Billionen Dollar übersprungen hat. Und da ist die US-Notenbank Fed, die im September ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte angehoben hat, weil die Inflation hartnäckig über dem Ziel liegt.

Gleichzeitig werden die Käufer wählerischer. Bei der jüngsten Treasury-Auktion übernahmen ausländische Investoren nur 57 % der üblichen 64 %. Zudem musste das US-Finanzministerium trotzdem 119 Milliarden Dollar an neuen Papieren unterbringen. Hinzu kommt ein Angebotsschub aus dem Silicon Valley: Alphabet, Amazon und Meta haben 2026 bereits bis August rund 220 Milliarden Dollar an Anleihen begeben, mehr als im gesamten Vorjahr.

Und auch hierzulande spürt man die Welle. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten Mitte September mit gut 3,5 % so hoch wie seit 2011 nicht mehr, nachdem die EZB ihren Einlagensatz in zwei Schritten auf 2,5 % angehoben hatte. Baufinanzierungen mit zehnjähriger Zinsbindung kosten wieder rund 4 %. Und in London rentierten 30-jährige Staatsanleihen erstmals seit 1998 mit 6 %.

Für Unternehmen kommt es doppelt knackig. Sie leihen sich Geld nicht zum Staatszins, sondern zahlen einen Aufschlag, den sogenannten Spread, also eine Risikoprämie über der gleich langen Staatsanleihe. Steigen Basiszins und Spread gleichzeitig, wird Fremdkapital von zwei Seiten teurer. Genau das erlebt gerade die KI-Infrastruktur.

Lehrstück Oracle: Als der Softwarekonzern im September 2025 Anleihen über 18 Milliarden Dollar platzierte, lag die Zehnjährige bei etwa 4,1 %, die Aufschläge zwischen 1,05 und 1,65 Prozentpunkten. Inzwischen werden dieselben Papiere mit Aufschlägen von 1,71 bis 2,82 Prozentpunkten gehandelt. Müsste Oracle heute zu Marktkonditionen neu leihen, wären über die Laufzeit Schätzungen zufolge mehr als 7 Milliarden Dollar zusätzliche Zinsen fällig. S&P hat die Bonität im Sommer auf BBB- gesenkt, eine Stufe über dem Ramschbereich.

Wie nervös der Markt ist, zeigen Kreditausfallversicherungen, kurz CDS. Mit ihnen sichern sich Anleger gegen einen Zahlungsausfall ab, ihr Preis gilt als Fieberthermometer. Für fünfjährige Oracle-Papiere stieg er Ende September auf ein Rekordniveau von rund 2,27 Prozentpunkten pro Jahr. Den jüngsten Schub löste eine juristische Formalie aus. Am 24. September schickte Oracle eine Force-Majeure-Mitteilung, also eine Berufung auf höhere Gewalt, an den Entwickler von „Project Jupiter“ in New Mexico. Der 2,45-Gigawatt-Campus soll bis zu 165 Milliarden Dollar kosten, doch die Gaspipeline für die Stromversorgung verzögert sich auf Februar 2027. Oracle sichert sich damit das Recht, Mietzahlungen um bis zu drei Jahre zu verschieben, betont aber, der Zeitplan stehe. Die Aktie hat binnen zwölf Monaten mehr als die Hälfte ihres Werts verloren.

Noch härter trifft es CoreWeave, einen Vermieter von KI-Rechenleistung. Die Schulden stiegen von 21 Milliarden Dollar Ende 2025 auf 35 Milliarden Ende Juni. Allein im zweiten Quartal fielen 640 Millionen Dollar Zinsen an, mehr als ein Viertel des Umsatzes, für das dritte Quartal erwartet das Management 860 bis 940 Millionen. Fünfjährige CoreWeave-Anleihen rentieren nahe 13 Prozent.

Es gibt einen Ausweg, aber nur für Auserwählte. Weil Meta als Mieter für die Zahlungen geradesteht, bekam CoreWeave für einen Kredit über 8,5 Milliarden Dollar ein Investment-Grade-Rating, also gute Bonität. Der Zins: SOFR, der Referenzsatz für besicherte Übernachtkredite in Dollar, plus 2,25 Prozentpunkte. Wer keinen Hyperscaler als Bürgen hat, zahlt bei neuen Projekten dagegen schnell 9 bis 14 %.

Dass das Geld nicht versiegt, sondern nur teurer wird, zeigt CleanSpark. Der Rechenzentrumsbetreiber, früher vor allem im Krypto-Mining aktiv, sammelte Mitte September rund 2,2 Milliarden Dollar über Hochzinsanleihen ein, um ein Rechenzentrum in Georgia zu bauen, das komplett an eine Meta-Tochter vermietet ist. Die Nachfrage war viermal so hoch wie das Volumen, der Zins lag aber rund 2 Prozentpunkte über dem Schnitt vergleichbar bewerteter Anleihen. Parallel prüfen Großbanken wie Sumitomo Mitsui, Mitsubishi UFJ und Société Générale Rechenzentrumskredite strenger.

Und was heißt das für dein Geld? Steigende Zinsen haben auch eine angenehme Seite: Geparktes Geld wirft wieder etwas ab. Geldmarkt-ETFs können sich dabei als Liquiditätsreserve oder als Parkplatz eignen, falls du nach Rücksetzern einsteigen willst. Gegen fallende Aktienkurse schützen sie allerdings nicht, und über lange Zeiträume haben Aktien historisch deutlich mehr gebracht.

Ausblick

🏦 Wer finanziert OpenAI und Anthropic nach einem Börsengang?

Zwei noch ausstehende Börsengänge könnten die größten der Geschichte werden. Anthropic hat seine Unterlagen im Juni vertraulich bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, laut Reuters steht eine Bewertung von rund 2 Billionen Dollar im Raum. OpenAI hat ebenfalls im Juni eingereicht, tendiert aber zu einem Listing 2027 und strebt mindestens 1 Billion an. Zum Vergleich: SpaceX kam im Juni mit rund 1,77 Billionen Dollar an die Börse.

Was im Anthropic-Prospekt steht, hat Reuters Ende September öffentlich gemacht. Der Umsatz verzwölffachte sich 2025 auf knapp 4,6 Milliarden Dollar, der operative Verlust wuchs auf 8,06 Milliarden. Unterm Strich standen rund 42 Milliarden Minus, davon etwa 34 Milliarden als reiner Buchungseffekt aus Finanzierungen, die später in Aktien wandeln können. Fast ein Viertel der Erlöse stammte von nur zwei Kunden. Seither hat sich das Bild gedreht: Im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz bei über 11,5 Milliarden Dollar, erstmals mit positivem bereinigtem operativem Ergebnis.

Bei OpenAI sieht die Rechnung so aus: 2025 standen laut geprüften Zahlen, deren Echtheit die Financial Times bestätigt hat, 13,07 Milliarden Dollar Umsatz gut 34 Milliarden Dollar Kosten gegenüber. Das ergibt einen operativen Verlust von 20,92 Milliarden, eine operative Marge von -160 %. Im ersten Quartal 2026 verbrannte OpenAI 3,7 Milliarden Dollar bei 5,7 Milliarden Umsatz.

Der eigentliche Knackpunkt steckt aber in den Verpflichtungen. Anthropic hat sich für rund zehn Jahre zu Infrastrukturausgaben von mindestens 518 Milliarden Dollar verpflichtet, davon 111 Milliarden bei Google, 110 Milliarden bei Amazon und 31 Milliarden bei Microsoft. Etwa 80 % der Summe sind nicht kündbar oder unabhängig von der Nutzung fällig. Hinzu kommen 161 Milliarden Dollar an Leasingpflichten rund um Broadcom-Chips. Dem standen Ende 2025 liquide Mittel von 20,3 Milliarden gegenüber.

Solche Take-or-pay-Verträge, bei denen Kunden zahlen, ob sie die Leistung nutzen oder nicht, werten Ratingagenturen wie Schulden. Genau hier setzen Skeptiker an. Ihr Argument: Ein Investment-Grade-Rating setzt stabile Gewinne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen voraus, das sogenannte EBITDA. Mit tiefroten Zahlen drohe eher eine Einstufung zwischen B und CCC+, also tief im Ramschbereich.

Und dann wird es ganz schön eng, rechnen die Kritiker vor. Sie veranschlagen den Kapitalbedarf jedes der beiden Labore nach dem Börsengang auf mindestens 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Zum Vergleich: Alle Rechenzentrumsentwickler zusammen haben 2026 bislang rund 39 Milliarden Dollar an Hochzinsanleihen platziert. Laufende Aktienverkäufe als Alternative würden den Kurs drücken, weil anfangs nur ein kleiner Teil der Aktien frei handelbar sein dürfte. Die beliebten Vergleiche hinken. Uber ging 2019 mit einem Rating von B+ und einer EBITDA-Marge von rund -21 % an die Börse, Amazon 1997 mit -19 %. Fairerweise gehört aber auch dazu: Kein Unternehmen dieser Größe ist je so schnell gewachsen. Anthropic hat seinen Quartalsumsatz zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2026 mehr als verdoppelt, von 4,73 auf 11,5 Milliarden Dollar.

Die Branche hat längst einen Umweg gefunden: Zweckgesellschaften, auf Englisch SPV. Das sind eigens gegründete Firmen, die Schulden außerhalb der Konzernbilanz aufnehmen. Für Broadcom-Chips, die Anthropic least, schnüren Banken und Blackstone gerade ein Paket über 60 Milliarden Dollar: 42 Milliarden vorrangig, 18 Milliarden nachrangig. Zusätzlich darf Broadcom Anthropic bis zu 42 Milliarden leihen, wandelbar in Anthropic-Aktien. Broadcoms eigene Nettoverschuldung ist dagegen auf gut 35 Milliarden gesunken. Das Risiko wandert also zu Kreditfonds und Versicherern.

Damit wird klar, wie eng das Netz geknüpft ist. Anthropic soll 2027 Broadcoms größter Kunde für maßgeschneiderte KI-Chips werden. Oracle hängt an einem Rechenzentrumsvertrag mit OpenAI über rund 300 Milliarden Dollar. Und Oracle-Gründer Larry Ellison hat 346 Millionen seiner Aktien als Sicherheit für private Kredite verpfändet, rund 30 % seines Pakets. Der Verwaltungsrat betont, dass es sich nicht um Margin-Kredite handelt, die bei fallenden Kursen sofortige Nachschüsse erzwingen. Zusätzlich bürgt Ellison mit bis zu 40,4 Milliarden Dollar für eine Medienübernahme seines Sohnes.

Für die großen Cloud-Anbieter ist das ein durchaus zweischneidiges Schwert. Die Verträge mit Anthropic und OpenAI füllen ihre Auftragsbücher, Google Cloud meldete im ersten Quartal einen Auftragsbestand von über 460 Milliarden Dollar. Doch ein Teil dieser künftigen Erlöse hängt an Kunden, die selbst noch Geld verbrennen. Fällt ein Großkunde aus oder verhandelt nach, trifft das nicht nur dessen Gläubiger, sondern auch die Umsatzprognosen von Microsoft, Alphabet und Amazon.

Auch die Europäische Zentralbank schaut genau hin. In einem Arbeitspapier vom August warnt sie vor einer wahrscheinlichen Korrektur an den Aktienmärkten und verweist darauf, dass sich die Anleiheemissionen der Hyperscaler 2026 auf rund 250 Milliarden Dollar verdoppelt haben. Schon im Mai mahnte ihr Finanzstabilitätsbericht, dass der Energiepreisschock die stromhungrige KI-Infrastruktur trifft. Für dich heißt das: Mit einem klassischen MSCI-World-ETF steckst du über die großen US-Technologiewerte automatisch mittendrin.

Worauf du jetzt achten kannst: Hält sich die Zehnjährige in den USA über 5 %? Wie entwickeln sich die CDS-Preise für Oracle und die Renditen der CoreWeave-Anleihen? Und was steht in den Prospekten, sobald sie öffentlich werden? Einen Crash kann daraus niemand seriös ableiten. Klar ist aber: Die Zeit des billigen Geldes für die KI ist vorbei, und ab jetzt entscheidet die Bilanz mit.

Und nicht vergessen: Geldmarkt-ETFs können sich in Zeiten steigender Zinsen als Liquiditätsreserve oder als Parkplatz eignen, falls du nach Rücksetzern einsteigen willst. Gegen fallende Aktienkurse schützen sie allerdings nicht, und über lange Zeiträume haben Aktien historisch deutlich mehr gebracht.

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