Guten Morgen {{vorname}},
es gibt einen Reflex, der dich an der Börse mehr Geld kosten kann als jede Gebühr. Er heißt: „Das ist doch jetzt billig.“ Und er springt oft genau dann an, wenn du womöglich besser innehalten solltest.
Heute geht es um die Aktien, die im freien Fall sind, und um die Frage, warum 4 von 10 davon nie wieder aufstehen. Eine einzige Zahl aus einer JPMorgan-Studie sortiert die Spreu vom Weizen. Wir zeigen dir eine deutsche Traditionsaktie, die 8 Jahre lang jeden Optimisten bestraft hat. Und eine amerikanische, die nach -76 % zum Coup des Jahrzehnts wurde. Dazwischen liegt eine Frage, die du dir vor jedem Nachkauf stellen solltest. Los geht’s!
Kurssturz
🪤 Wie dich ein Schnäppchen ruinieren kann
Es gibt einen Satz, den erfahrene Investoren fast liebevoll aussprechen: „Fang niemals ein fallendes Messer.“ Gemeint ist die Aktie im freien Fall: 40, 60, 80 % unter ihrem alten Kurs. Sie sieht billig aus. Und genau das ist die Falle. Denn billig und günstig sind zwei verschiedene Dinge, und der Unterschied kostet dich im Zweifel dein halbes Depot.
Fangen wir mit der unbequemsten Zahl an. Die Investmentbank JPMorgan hat in einer breit angelegten Langfriststudie alle US-Aktien seit 1980 durchleuchtet. Das Ergebnis: Rund 40 % von ihnen erlitten irgendwann einen dauerhaften Absturz von 70 % oder mehr. Und sie erholten sich nie wieder. Nicht temporär, nicht bis zur nächsten Rally, sondern endgültig. 2 von 5 Aktien sind also keine fallenden Messer, sondern fallende Ambosse. Wer bei jedem 70-%-Rabatt reflexartig zugreift, spielt Münzwurf und nennt es Strategie.
Warum tun wir es trotzdem? Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschrieb zwei Denkmodi: ein schnelles, intuitives „System 1“ und ein langsames, analytisches „System 2“. Ein abstürzender Kurs aktiviert System 1: Puls hoch, „Schnäppchen!“, kaufen. Dazu kommt das Anchoring, der Ankereffekt: Unser Kopf klebt am alten Preis. Fällt eine Aktie von 100 auf 30 Euro, denken wir „Juhu, 70 % Rabatt". Die richtige Frage lautet aber nicht, wo die Aktie war, sondern wohin das Geschäft geht.
Für dieses Prinzip gibt es vielleicht kein besseres Beispiel als Bayer. 2015 war der Leverkusener Konzern der wertvollste im DAX, fast 110 Milliarden Euro schwer, die Aktie in der Spitze bei 146 Euro. Dann kam Monsanto: 2018 für 63 Milliarden Dollar übernommen, samt der Glyphosat-Klagewelle. Was folgte, war ein jahrelanger Abstieg bis auf ein Tief von 18,87 Euro. Wohlgemerkt: kein Crash an einem Tag, sondern ein zermürbendes Tröpfeln, bei dem jede Erholung sofort wieder verkauft wurde.
Die Rechnung dahinter war brutal. Rund 10 Milliarden Euro hat Bayer seit der Übernahme für Vergleiche gezahlt, weitere 7 Milliarden zurückgestellt. Wer bei „nur noch -40 %" einstieg, weil die Aktie so billig aussah, verlor danach oft noch einmal die Hälfte. Der Ankereffekt in Reinform: Der alte Kurs von über 130 Euro fühlte sich wie ein Naturgesetz an, an das die Aktie zurückkehren müsse. Muss sie aber nicht.
Damit du das alles nicht falsch verstehst: Manchmal übertreibt der Markt tatsächlich. Die berühmte Studie von De Bondt und Thaler aus dem Jahr 1985 zeigte, dass die größten Verlierer-Aktien über die folgenden drei Jahre den Markt um rund 20 % schlugen, während die Gewinner leicht zurückblieben. Genau darauf baut die ganze Idee vom Auffangen fallender Messer. Überreaktion nennen die Forscher das: schlechte Nachrichten drücken den Kurs stärker, als es sachlich gerechtfertigt wäre.
Nur: Diese Studie ist Jahrzehnte alt. Eine Replikation mit neueren Daten fand kaum noch einen Unterschied zwischen Verlierern und Gewinnern. Der Markt ist effizienter geworden, die einfache „Kauf die Verlierer"-Prämie ist weitgehend abgeschmolzen. Übersetzt: Das fallende Messer aufzufangen war noch nie „free lunch“. Und heute ist die Portion noch kleiner. Die Überreaktion existiert, aber sie ist selten geworden und schwer zu erwischen.
Hinzu kommt auch: Der Effekt braucht Geduld. In derselben Studie entstand der Vorsprung der Verlierer überwiegend im zweiten und dritten Jahr. Nach zwölf Monaten lag der Unterschied bei mageren 5,4 %. Wer ein fallendes Messer fängt und nach einem halben Jahr die Nerven verliert, sitzt exakt in der Phase, in der noch nichts passiert ist. Das ist der psychologische Zermürbungskrieg, den langfristige Contrarians, also solche Anleger, die bewusst gegen die Masse setzen, aushalten müssen.
Woran erkennst du nun den Amboss, der sich nur als Messer verkleidet? Die Warnsignale sind erstaunlich stabil: über Jahre negativer freier Cashflow, steigende Schulden bei sinkendem Umsatz, ein schrumpfender Burggraben und (das verlässlichste Alarmsignal für Dividendenjäger) eine gekürzte oder gestrichene Ausschüttung. AT&T kürzte einmal die Dividende um fast 50 % und erwischte viele auf dem falschen Fuß. Frontier Communications lockte mit über 10 % Rendite, brach über 90 % ein und ging pleite. Billig war beides. Günstig war keines.
Womit wir beim Kern sind. Ein 70-%-Absturz ist kein Rabatt, sondern meistens ein Urteil des Marktes. Und der Markt hat (siehe die 40 % von JPMorgan) öfter recht, als vielen lieb ist. Heißt das, du sollst fallende Messer grundsätzlich meiden? Nein. Es heißt, dass du sie nur mit einem glasklaren Regelwerk anfassen darfst. Wie dieses Regelwerk aussieht und warum ausgerechnet eine Aktie, die 76 % verlor, danach zum Schnäppchen des Jahrzehnts wurde, klären wir gleich.
Empfiehl uns weiter auf X, Instagram, TikTok und Co. Nutze dafür am besten Deinen Referral-Link: {{ rp_refer_url }}
Wie gehst du mit einer Aktie um, die 70 % im Minus steht?
Regeln
🔪 Wann das Messer doch ein Geschenk sein kann
Die wichtigste Frage vor jedem Kauf einer abgestürzten Aktie lautet: Ist die Schwäche vorübergehend oder strukturell? Das klingt banal, entscheidet aber alles. Vorübergehende Schwäche findest du oft in Wachstumsbranchen, wo Überangebot und Nachfrage ständig die Plätze tauschen. Strukturelle Schwäche dagegen ist der Bereich, in dem eine Technologie durch die nächste ersetzt wird. Analoge Filmkameras, alte Mobilfunknetze: billig, ja, aber ohne Weg zurück, weil die Nachfrage selbst verschwindet.
Ein gutes Lehrstück für die richtige Seite ist Meta. Zwischen September 2021 und Oktober 2022 stürzte die Aktie um 76 % ab, das Tief lag bei rund 90 Dollar. Der Auslöser: Mark Zuckerberg verbrannte Milliarden im Metaverse. Allein die AR/VR-Sparte machte 2022 satte 13,7 Milliarden Dollar operativen Verlust. Der Markt strafte gnadenlos ab. Wer damals nur den Ankereffekt sah, verkaufte. Wer das Kerngeschäft betrachtete (Milliarden Nutzer, ein Werbemonopol, üppige Cashflows), der sah eine vorübergehende Fehlallokation, keine kaputte Firma.
Es folgte ein Jahr der Effizienz: über 21.000 gestrichene Stellen, gebremste Metaverse-Ausgaben, Fokus zurück aufs Werbegeschäft. Vom Tief aus vervielfachte sich die Aktie und markierte neue Rekordhochs. Das ist der Unterschied zwischen einem fallenden Messer und einem fallenden Amboss, und er lag nicht im Chart, sondern im Geschäftsmodell.
Daraus folgt die zweite Regel: Werde zum Spezialisten. Die Investmentwelt ist kleiner, als sie aussieht. Gerade Nebenwerte werden oft nur von einer Handvoll Analysten begleitet, weil sich mit ihnen keine fetten Gebühren verdienen lassen. Wenn du in eine Branche tiefer einsteigst, als es die bezahlten Profis tun, verschaffst du dir einen echten Vorsprung. Ohne diesen Wissensvorsprung ist das Auffangen eines Messers oft nur reines Glücksspiel.
Die dritte Säule ist die Sicherheitsmarge, also der Abstand zwischen dem Preis, den du zahlst, und dem inneren Wert, den du berechnet hast. Der Clou beim fallenden Messer: Rechne den negativen Trend in deine Bewertung ein. Unterstelle im Zweifel, dass es noch schlimmer kommen wird. Liegt der Kurs dann immer noch unter deinem Worst-Case-Szenario, hast du eine echte Marge. Genau daran scheitern die meisten Schnäppchenjäger: Sie ankern an der glorreichen Vergangenheit statt an der wahrscheinlichen Zukunft.
Und hier kommt die Diversifikation ins Spiel, die das Ganze überhaupt erst möglich macht: Kauf 10 fallende Messer. 5 verdoppeln sich vielleicht, 2 treten auf der Stelle, 3 gehen pleite. Der Grund ist die Asymmetrie: Nach unten kannst du nur 100 % verlieren, nach oben ist der Gewinn theoretisch unbegrenzt. Ein Treffer gleicht drei Nieten aus.
Zwei Einschränkungen dazu. Erstens ist die Rechnung natürlich etwas idealisiert. Eine Verdopplung fällt nicht vom Himmel, und die Zeitachse fehlt. Zweitens deckt sie sich trotzdem mit harten Daten: JPMorgan fand, dass 75 % aller Anleger mit konzentrierten Einzelpositionen von mehr Streuung profitiert hätten. Zwei Drittel aller Aktien schlagen den Index über ihre Lebensdauer nicht. Diversifikation ist bei dieser Strategie also eine Art Lebensversicherung gegen deine eigenen Fehlurteile.
Bleibt die letzte, unterschätzte Regel: Lerne, Nein zu sagen. Der Markt bietet dir Tausende Chancen. Du musst also nicht jedes Messer fangen. Die Kunst besteht nicht darin, mutig zuzugreifen, sondern diszipliniert zu warten, bis alle Kriterien erfüllt sind: temporäre Schwäche, Wissensvorsprung, Sicherheitsmarge, Streuung. Wer das beherzigt, verwandelt ein Glücksspiel in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Deine Aufgabe an der Börse ist es nicht, den Helden zu spielen. Deine Aufgabe ist es, investiert zu bleiben, bis die Mathematik für dich arbeitet.
Erstellung und Verbreitung: Dieser Beitrag wurde von einem Redakteur der Finanzen.net GmbH, Gartenstraße 67, 76135 Karlsruhe, erstellt. Wir, die Finanzen.net Zero GmbH, haben diesen Beitrag unverändert in diesem Mailing übernommen. Die Finanzen.net GmbH hat uns zugesichert, dass dieser Beitrag mit größter Sorgfalt erstellt und zuvor keinem anderen Empfängerkreis zugänglich gemacht worden ist.
Interessen und Interessenkonflikte: Der erstellende Redakteur hält Eigenpositionen an den besprochenen Finanzinstrumenten.
Die Finanzen.net ZERO GmbH profitiert wirtschaftlich davon, wenn Empfänger dieses Mailings die besprochenen Finanzinstrumente über unsere Brokerfunktion handeln.
Disclaimer: Wir, die Finanzen.net ZERO GmbH, übernehmen keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der in diesem Beitrag enthaltenen Informationen. Dieser Beitrag stellt weder ein Angebot, eine Aufforderung zum Erwerb oder Verkauf eines Finanzinstruments, noch eine Empfehlung oder Anlageberatung dar. Eine Anlageentscheidung sollte keinesfalls ausschließlich auf die Informationen in diesem Beitrag gestützt werden. Geldanlagen in Finanzinstrumente sollten immer unter langfristigen Gesichtspunkten und unter Berücksichtigung der persönlichen Kenntnisse, Erfahrungen, finanziellen Verhältnisse und Anlageziele getätigt werden. Anleger sollten bedenken, dass sie bei der Investition in Finanzinstrumente Verluste bis zum Totalverlust des investierten Kapitals (bei einigen Finanzinstrumenten sogar über das eingesetzte Kapital hinaus) erleiden können. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.





