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diese Woche schauen wir uns eine Branche an, deren Ende seit Jahren angekündigt wird. Der Nachruf steht schon, die Bewertung auch. Nur die Zahlen halten sich irgendwie nicht daran.

Wir haben nachgerechnet, wo das Geld beim Bezahlen tatsächlich landet. Das Ergebnis dürfte dich überraschen. Vor allem, wenn du schon eine der üblichen Verdächtigen im Depot hast.

Nimm dir zehn Minuten. Danach schaust du auf zwei sehr ähnlich klingende Aktien mit ganz anderen Augen. Viel Spaß beim Lesen!

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Earnings

📊 Zwei Dinosaurier, beide zweistellig

Seit Jahren schreibt der Markt denselben Nachruf: Die Ära von Visa und Mastercard sei vorbei. Erst PayPal, dann „Buy Now Pay Later“ (BNPL), jetzt KI-Agenten, die für dich einkaufen. Und tatsächlich bezahlst du die Skepsis mit: Visa kommt auf ein erwartetes KGV von 26,4, Mastercard auf 28. Für Qualitätsunternehmen dieser Größenordnung ist das keine Euphoriebewertung. Auf Zwölfmonatssicht steht Visa bei +5,8 %, Mastercard sogar bei -2,5 %.

Nur passt der Nachruf nicht zu den Büchern. Im Quartal bis Ende Juni 2026 überschritt Visas Zahlungsvolumen erstmals 4 Billionen Dollar. Der Netto-Umsatz kletterte um 14 % auf 11,6 Milliarden Dollar, 72 Milliarden Transaktionen liefen durch das Netz, das grenzüberschreitende Volumen legte um 12 % zu. Ein Unternehmen, das gerade verdrängt wird, wächst normalerweise nicht schneller beim Umsatz als beim Volumen.

Bei Mastercard sieht es ähnlich aus. 9,3 Milliarden Dollar Netto-Umsatz im zweiten Quartal 2026, ebenfalls +14 %, ein bereinigter Gewinn je Aktie von 5,04 Dollar gegenüber 4,77 Dollar Konsens. Das Kreditkartenvolumen wuchs weltweit um 9,1 %, Debit und Prepaid um 10,2 %. Zwei angeblich sterbende Dinosaurier, beide zweistellig. Und beide profitierten obendrein von einem Sondereffekt, den kein Fintech nachbauen kann: der Fußball-WM, deren Reise- und Ticketausgaben quer durch alle Länder liefen und damit direkt in die margenstarken Auslandsgebühren.

Der Grund liegt eine Ebene tiefer, als die Disruptions-Erzählung vorzugeben scheint. Digitale Wallets sind längst das dominierende Bezahlmittel: Laut dem Global Payments Report 2026 von Worldpay machten sie 2025 rund 56 % des weltweiten E-Commerce-Umsatzes aus und 33 % am Ladentisch, zusammen also über 13,8 Billionen Dollar. In Deutschland liegt der Wallet-Anteil online bei 52 %. Aber öffne so eine Wallet mal: In kartengeprägten Märkten wie den USA, Großbritannien oder Deutschland ist dahinter fast immer eine Debit- oder Kreditkarte hinterlegt. Der Bildschirm hat sich geändert, die Schiene darunter nicht. Anders ist das nur dort, wo der Staat eine eigene Schiene gebaut hat: In China laufen 89 % des Onlinehandels über Alipay und WeChat Pay, in Indien 68 % über UPI-basierte Apps.

Genau dieses Muster wiederholt sich gerade live bei KI-Agenten. Der Traffic von KI-Assistenten auf US-Handelsseiten stieg laut Adobe binnen eines Jahres um 4.700 %! Statt ausgeschaltet zu werden, haben sich die Netzwerke in den Vorgang hineingebaut: Visa startete im Oktober 2025 gemeinsam mit Cloudflare das Trusted Agent Protocol, mit dem Händler einen echten Einkaufsagenten von einem bösartigen Bot unterscheiden können. Mastercard vergibt mit Agent Pay sogenannte agentische Token. Das sind Einmal-Platzhalter für deine Kartennummer, die ein verifizierter Agent nutzen darf, ohne die echten Daten zu sehen.

Bevor du daraus gleich leichtfertig eine überambitionierte Investmentthese baust: Der Markt ist noch winzig. eMarketer taxiert autonome Agenten-Checkouts in den USA für 2026 auf 20,6 Milliarden Dollar, rund 1,5 % des US-Onlinehandels. Nur 14 % der US-Verbraucher würden einen Agenten wirklich eigenständig bestellen lassen, 65 % nur Preise vergleichen. Interessant erscheint trotzdem die Qualität: Shopify meldete für das erste Quartal 2026 achtfachen KI-Traffic und fast dreizehnfache Bestellungen daraus, mit rund 50 % besserer Conversion als organische Suche. 

Parallel läuft die nächste Verteidigungslinie an. Am 16. Juli 2026 startete Visa seine Stablecoin Platform, eine Infrastruktur, mit der Institute wertstabile Kryptowährungen ausgeben, verwahren und einlösen können. Das Unternehmen stellte sich hinter den neuen Dollar-Token Open USD, gemeinsam mit BlackRock, Alphabet und Coinbase. Die Reaktion war aufschlussreich: Die Aktie von Circle, dem Emittenten des zweitgrößten Stablecoins USDC, verlor daraufhin rund 5 %. Auch hier gilt also: Nicht die Technologie kassiert, sondern derjenige, der den Zugang kontrolliert.

Warum landet die Gebühr trotzdem immer wieder bei denselben? Weil in Zahlungen nicht Technologie entscheidet, sondern Reibung. Stell dir 2 Firmen in ein und demselben Kaufprozess vor. Die eine besitzt den Bezahl-Button, nimmst du sie raus, bricht ein Teil der Kunden den Kauf ab. Die andere schiebt das Geld vom Kundenkonto zum Händlerkonto. Tauschst du sie gegen einen Wettbewerber, merkt es niemand, das Geld kommt trotzdem an. Bei der nächsten Vertragsverlängerung kann die erste ihren Preis halten. Die zweite wird um Rabatt gebeten und hat nur eine Antwort parat: Ja, okay…

Deshalb ist wahrscheinlich die spannendste Zahl im jüngsten Visa-Quartal nicht das Volumen, sondern der Umsatz mit Zusatzdiensten: 3,8 Milliarden Dollar, +34 % und damit inzwischen rund ein Drittel des Quartalsumsatzes. Betrugserkennung, Tokenisierung, Datenanalyse, Beratung. Bei Mastercard wuchs dieser Bereich um 20 %, etwa 60 % davon hängen am Netzwerkgeschäft. Die Gebühr ist also längst vom reinen Durchleiten in Dienstleistungen gewandert, die man nicht ohne Weiteres austauscht.

Ein Punkt, den die Sektor-Optimisten gern übersehen: Preismacht ist kein Naturgesetz. Am 9. Juni 2026 erteilte US-Bezirksrichter Brian Cogan die vorläufige Zustimmung zu einem Vergleich zwischen Visa, Mastercard und rund 12 Millionen Händlern. Und das nach 21 Jahren Rechtsstreit. Er sieht 10 Basispunkte niedrigere Interchange über 5 Jahre vor, einen Deckel von 1,25 % auf Standard-Verbraucherkarten über 8 Jahre, und er erlaubt Händlern erstmals breit, bestimmte teure Premiumkarten abzulehnen sowie Aufschläge zu erheben. Großhändler wie Walmart halten das für zu wenig und drohen bereits mit Berufung.

Genau deshalb ist die Bewertungsfrage bei Visa und Mastercard interessanter, als sie auf den ersten Blick wirkt. Historisch handelte Mastercard mit einem Aufschlag von 3 bis 5 KGV-Punkten gegenüber Visa. Heute sind es 0,7. Der Markt traut beiden also inzwischen ungefähr dasselbe zu, obwohl Visa zuletzt mit 14,4 % Umsatzwachstum minimal vor Mastercards 14,1 % lag und die höhere Nettomarge ausweist. 

Merke: Die Netzwerke sind nicht deshalb stark, weil Karten unschlagbar wären, sondern weil sie sich in jede neue Bezahloberfläche einbauen und ihre Marge zusätzlich auf Dienstleistungen verlagert haben. Ob dein Payment-Investment auf derselben Seite steht, entscheidet sich aber nicht am Branchenetikett. Wie unterschiedlich zwei Firmen mit demselben Etikett abschneiden, zeigen wir dir gleich.

Wo siehst du das größte Risiko für Visa und Mastercard in den nächsten 5 Jahren?

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Umfeld

🔀 Gleiches Etikett, gegensätzliche Bilanz

Fiserv und Adyen sind Zahlungsabwickler, also die Firmen, die zwischen Händler, Bank und Kartennetz die technische Abwicklung übernehmen. Gleiche Branche, gleiche Schublade in jedem Screener. Und trotzdem hätte dich die Wahl zwischen beiden im laufenden Jahr in völlig verschiedene Depots geführt.

Fiserv meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 5,29 Milliarden Dollar, ein Minus von 4 %, organisch sogar -5 %. Die bereinigte operative Marge fiel von 39,6 auf 31,8 %. Das bedeutet 780 Basispunkte weniger, nach GAAP sind es sogar 1.150. Der bereinigte Gewinn je Aktie brach um 26 % auf 1,84 Dollar ein, die Jahresprognose wurde auf organisch -1 bis 0 % gestutzt. Besonders bitter: Das Finanzsegment verlor 8 % Umsatz.

Adyen im selben Zeitraum: Nettoumsatz 1.302,9 Millionen Euro, +19 %, das verarbeitete Volumen legte um 24 % auf 803,8 Milliarden Euro zu. Die EBITDA-Marge, also das operative Ergebnis vor Abschreibungen im Verhältnis zum Umsatz, liegt bei 49 %, und das Management bestätigte das Ziel von über 55 % bis 2028. Für 2026 stehen 21 bis 23 % Wachstum im Plan.

Der Unterschied ist sicherlich in der Positionierung begründet. Über den Abwicklern sitzt inzwischen eine Softwareschicht. Und diese Systeme besitzen die Kundenbeziehung und drücken die Abwickler darunter im Preis. Wer nur Geld bewegt, verhandelt jedes Jahr aufs Neue nach unten. Adyen kontert, indem es nach oben wandert: mit „Intelligent Money Movement“ für Liquidität und Auszahlungen und mit „Adyen Agentic“ für Zahlungen über KI-Agenten-Protokolle. Übrigens war Adyen auch früher Partner von Visas Trusted Agent Protocol, zusammen mit Stripe, Shopify und ausgerechnet Fiserv.

Manchmal verschwindet die Gebühr aber nicht nur aus einem Unternehmen, sondern aus der ganzen Branche. Indiens UPI ist der Extremfall: Der staatlich verordnete Nulltarif hat das System explodieren lassen, 23,66 Milliarden Transaktionen allein im Juli 2026, im Mai waren es 23,2 Milliarden im Wert von 29,9 Billionen Rupien. Das ist ein Zahlungsvolumen, an dem operativ so gut wie niemand direkt verdienen kann.

PhonePe, mit rund 45 % Marktanteil der größte UPI-Anbieter, erwirtschaftet mit dem eigentlichen Bezahlvorgang praktisch nichts mehr. Verdient wird an dem, was obendrauf liegt: Kredite, Versicherungen, Anlageprodukte, Zinserträge auf geparkte Gelder. Interessant ist, dass Indien inzwischen zurückrudert. Am 8. August 2026 verabschiedete das Parlament den Taxation and Other Laws Bill 2026 und öffnete damit erstmals seit 2020 die Tür für Händlergebühren auf UPI. Verbraucher und kleine Händler bleiben außen vor, große Händler nicht.

Lateinamerika erzählt dieselbe Geschichte mit anderen Namen. MercadoLibre kam im zweiten Quartal 2026 erstmals über 10 Milliarden Dollar Quartalsumsatz, das Zahlungsvolumen erreichte 101 Milliarden Dollar. Der eigentliche Motor ist aber das Kreditbuch: 16,4 Milliarden Dollar, +75 %, davon inzwischen 47 % Kreditkarten. Nu Holdings verdiente im selben Quartal erstmals über 1 Milliarde Dollar netto bei 138,9 Millionen Kunden und 33 % Eigenkapitalrendite.

Nur: Wer Kredit vergibt, kauft sich auch ein Kreditrisiko ein. MercadoLibres operative Marge fiel von 12,2 auf 6,7 %. Allein 240 Basispunkte davon gingen auf höhere Risikovorsorge. Die Quote der über 90 Tage überfälligen Kredite liegt bei 18,7 %. Auch bei Nu stieg diese Kennzahl auf 6,9 %. Wenn die Gebühr in die Kreditvergabe wandert, wandert sie in ein zyklisches Geschäft.

Bei Buy Now Pay Later (BNPL), dem angeblichen Kartenkiller, ist die Abrechnung besonders hart ausgefallen. Klarna wuchs im zweiten Quartal 2026 zwar um 27 % auf 1,04 Milliarden Dollar Umsatz bei 36,6 Milliarden Dollar Volumen und schaffte 9 Millionen Dollar Nettogewinn.

Der vielleicht spannendste Beleg dafür, dass der Bezahl-Button wertvoller ist als die Leitung dahinter, ist erst wenige Wochen alt: Stripe und Advent boten am 15. Juli 2026 rund 53 Milliarden Dollar für PayPal, 60,50 Dollar je Aktie. Der Verwaltungsrat lehnte einen Tag später als unzureichend ab, seit Mitte August wird wieder verhandelt. PayPal war zu diesem Zeitpunkt an der Börse nur rund 40 Milliarden Dollar wert und lieferte im Quartal 8,68 Milliarden Dollar Umsatz bei 486 Milliarden Dollar Zahlungsvolumen.

Bleibt die Frage, was du mit all diesen Infos anfängst. Drei Prüfsteine für jede Payment-Position im Depot:

  1. Nimmt das Unternehmen Reibung im Moment des Kaufens weg, oder bewegt es hinterher nur Geld?

  2. Was bliebe übrig, wenn die Zahlungsgebühr morgen auf null ginge?

  3. Wenn die Gebühr abwandert, landet sie in einem Geschäft, das die Firma wirklich beherrscht?

Das sicherlich größte Risiko ist nicht, dass Visa zerschlagen wird. Es ist, dass auf deinem Investment „Payments“ steht und im Inneren aber nur ein austauschbarer Dienstleister sitzt.

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