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es gibt einen Fehler, der teurer werden kann als jeder Fehlkauf: an einem Sieger festzuhalten, der schon vor Jahren aufgehört hat, einer zu sein. Na klar, die Börse belohnt Geduld. Aber nicht bedingungslos, und sie sagt dir nicht, wann die Musik aufgehört hat zu spielen.
Heute erzählen wir dir von einer Aktie, die 15 Jahre lang alles richtig machte und danach 4 Jahrzehnte lang nichts mehr. Und von einem Konzern, den ein Index gerade rechtzeitig aussortierte, um den Anstieg zu verpassen. Viel Vergnügen beim Lesen.
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Rückblick
🏅 Der Heiligenschein, der 24 Jahre zu lange leuchtete
Stell dir vor, du sitzt 1935 in deinem Büro und suchst die sicherste Wachstumsaktie Amerikas. Man legt dir einen Chart vor, der seit 15 Jahren nur eine Richtung kennt: nach oben, und zwar schneller als der Gesamtmarkt. Kein schwaches Jahr, kein Ausrutscher, Monat für Monat ein Vorsprung auf den Dow Jones. Jeder, dem Thomas Phelps diesen Chart Jahrzehnte später zeigte, tippte auf dasselbe Unternehmen: „Klar, Xerox." Daneben! Es war American Can, ein Hersteller von Blechdosen.
Der Denkfehler dahinter hat einen Namen, und er stammt nicht von der Wall Street, sondern aus der Psychologie. Edward Thorndike prägte 1920 in seiner Arbeit „A Constant Error in Psychological Ratings“ den Begriff Halo-Effekt, also Heiligenschein-Effekt. Er ließ Offiziere ihre Soldaten bewerten und stellte fest, dass völlig unabhängige Merkmale verdächtig hoch miteinander korrelierten: Körperbau und Intelligenz mit 0,31, Körperbau und Führungsstärke mit 0,39, Körperbau und Charakter mit 0,28. Wer gut aussah, galt automatisch als klug. An der Börse gilt: Wer gut gelaufen ist, gilt automatisch als gut.
Zurück zur Börse und American Can: Obwohl die relative Stärke bereits 1935 kippte, gestand der Markt dem Unternehmen bis 1959 einen Aufschlag auf den Gewinn zu. 24 Jahre lang. Der Nimbus aus den 1920ern strahlte weiter, als das Geschäft darunter längst bröckelte. Genau das ist der Halo-Effekt an der Börse.
Dass es dabei nicht um Bauchgefühl geht, sondern um Messbares, erkennt man am Gewinn je American-Can-Aktie. 1936 lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also der Kurs geteilt durch den Jahresgewinn pro Aktie, rund 50 % über dem des Dow. Der Markt erwartete damit ausdrücklich schnelleres Gewinnwachstum als beim Index. Tatsächlich entsprach der Gewinn je Aktie 1936 noch mehr als 57 % des Dow-Gewinns, 5 Jahre später unter 37 % und 1970 nur noch 27 %.
Aber was hat das Dosengeschäft zersetzt? Neue Wettbewerber, Tiefkühlkost und Kunststoffverpackungen. Nichts davon war 1935 am Horizont zu erkennen. Das Urteil fällt unbequem aus: Selbst mit Rabatt wäre American Can damals ein Fehlkauf gewesen, weil Käufer für zusätzliches Wachstum zahlten, während sie eigentlich einen Einbruch der relativen Profitabilität hätten einkalkulieren müssen.
Die Pointe: American Can verkaufte 1982 das Papiergeschäft an James River, trennte sich 1986 für 570 Millionen Dollar von der Verpackungssparte und legte 1987 den 86 Jahre alten Namen ab. Aus dem Dosenkonzern wurde Primerica, ein Finanzhaus, das später mit Sanford Weills Commercial Credit verschmolz. Der Blechdosenriese hat sich selbst wegdefiniert. Sein Heiligenschein war da seit einem halben Jahrhundert erloschen.
Bleibt die Frage, ob relative Stärke ein echtes Frühwarnsystem ist oder bloß eine hübsche Anekdote. Robert Levy veröffentlichte 1967 im Journal of Finance den Artikel „Relative Strength as a Criterion for Investment Selection“. Ein Vierteljahrhundert später untersuchten Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman sämtliche NYSE- und AMEX-Aktien von Januar 1965 bis Dezember 1989 und fanden, dass der Kauf bisheriger Gewinner bei gleichzeitigem Verkauf der Verlierer im Schnitt rund 12 % Überrendite pro Jahr erzeugte.
Aber zieh au all dem bitte nicht den Schluss, du müsstest ab morgen Charts nach Linien absuchen. Relative Stärke beschreibt, sie erklärt nichts. Sie ist ein Thermometer, kein Arzt. Wer das Instrument nutzt, sollte immer auch die operativen Zahlen dahinter prüfen.
Was löst bei dir tatsächlich einen Verkauf aus?
Nifty Fifty
🚨 Der Heiligenschein und sein böser Zwilling
Jetzt kommt ein Fall, den viele zu kennen glauben. Im Dezember 1972 lag das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der sogenannten Nifty Fifty, also der fünfzig unantastbaren Wachstumswerte Amerikas, bei 41,9, der breite S&P 500 kam auf 18,9. Die Dividendenrendite der Gruppe: magere 1,1 %. Danach kam der Crash von 1973/74, und seither dient das Ganze als Standardwarnung vor überteuerten Lieblingsaktien.
Nur stimmt die Standardwarnung so nicht. Jeremy Siegel hat nachgerechnet: Wer die Nifty Fifty im Dezember 1972 gleichgewichtet kaufte und bis August 1998 hielt, kam auf rund 12,5 % pro Jahr. Praktisch Gleichstand mit dem S&P 500. Die maximale Überbewertung der Gruppe bezifferte Siegel auf 7,2 % im August 1973. Als Paket waren die teuersten Aktien der 1970er also ungefähr ihr Geld wert.
Die Lektion steckt in der Streuung. Siegel arbeitet mit dem „gerechtfertigten KGV“, also jenem Preis, den man rückblickend hätte zahlen dürfen, ohne dem Markt hinterherzulaufen. Bei Philip Morris lag er bei 68,5, bezahlt wurden 24. Ergebnis: 18,8 % pro Jahr. Coca-Cola hätte über 82 gerechtfertigt, Merck über 76. Polaroid dagegen kostete ein KGV von 94,8 und lieferte eine negative Rendite, Xerox bis 1998 nur 6,5 % jährlich gegen 12,7 % beim Index.
Du musst für dieses Muster nicht in die 1970er reisen, es läuft gerade live. Novo Nordisk erreichte im Juni 2024 über 1.033 Dänische Kronen, und der Konzern war zeitweise mehr wert als die gesamte dänische Wirtschaftsleistung. Heute steht die Aktie unter 250 Kronen, ein Minus von mehr als 75 % in weniger als zwei Jahren. Im Januar 2025 stellte das Management noch bis zu 27 % operatives Gewinnwachstum in Aussicht; kurz darauf lautete die Spanne 4 bis 10 %.
Bemerkenswert ist, wie wenig operativ zusammenbrach. 2025 stieg der Umsatz noch um 6 % auf rund 309 Milliarden Kronen, das operative Ergebnis sank nur um 1 %. Der Kurs verlor drei Viertel. Kollabiert ist nicht das Geschäft, sondern die Prämie darauf. Das kann man als Phelps' American-Can-Muster im Zeitraffer interpretieren.
Jetzt zum unbequemen Teil: Dieser Halo-Effekt funktioniert auch andersherum. Psychologen nennen das den Hörnereffekt. Ein schlechter Eindruck färbt genauso ab wie ein guter, nur dass niemand darüber spricht, weil sich Untergangsgeschichten besser anfühlen als Comebacks. Und der beste Beleg dafür ist ausgerechnet jene Aktie, die im ersten Anlauf als Halo-Opfer durchgeht:
Intel verlor 2024 rund 54 %, stellte die schlechteste Dow-Aktie und musste den Index zum 8. November 2024 nach 25 Jahren verlassen. Ersatz: Nvidia. Ein Lehrbuchfall für verblassten Glanz, bis zu dem Moment, in dem die US-Regierung im August 2025 für 8,9 Milliarden Dollar 9,9 % der Anteile zu 20,47 Dollar je Aktie übernahm und Nvidia weitere 5 Milliarden Dollar nachlegte.
Damit hatte das Indexkomitee ziemlich genau am Tiefpunkt „verkauft“. Indizes bilden eben meist nur ab, was war, nicht was kommt. Für dich folgt daraus nicht, jetzt Verlierer einzusammeln, sondern dass ein Rauswurf oder eine Schlagzeile für sich genommen null Information über die künftige Rendite enthält.
Bleibt der Spruch, den Phelps besonders gern zitierte: „Oft im Irrtum, nie im Zweifel“. So beschrieb er die Zunft der Anlageberater. Meinungen seien keinen Cent wert, so Phelps, die Annahmen dahinter dagegen Gold. Übertrag das auf dein Depot: Notiere zu jeder Position, warum du sie hältst, und prüfe die konkrete Investmentthese statt nur der Stimmungslage.
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