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manchmal steht in einer Bilanz eine Zahl, die so groß ist, dass niemand mehr die kleinen daneben liest. Genau das ist gerade bei einem der bekanntesten Rüstungskonzerne der Welt passiert.
Die Aktie sprang zweistellig, die Analysten überschlugen sich, und die Schlagzeile war schnell geschrieben. Wir haben uns die Mühe gemacht, das Kleingedruckte danebenzulegen.
Was dabei herauskam, ändert die Story wahrscheinlich nicht ganz. Aber es ändert vielleicht den Preis, den du dafür zahlen willst. Viel Spaß beim Lesen! Und wie immer: Denk selbst mit.
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tl;dr
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Wunschanalyse
📦 230 Milliarden im Auftragsbuch und nur 19 ausgelieferte Jets
Am 23. Juli sprang die Lockheed-Martin-Aktie um rund 10,6 %. Auslöser war eine einzige Zahl: 230,4 Milliarden US-Dollar Auftragsbestand. Das ist mehr, als der Konzern in den nächsten drei Jahren umsetzen wird. Und es ist ein Zuwachs von etwa 64 Milliarden Dollar binnen zwölf Monaten. Wenn du wissen willst, warum Rüstungsaktien 2026 so laufen, wie sie laufen, findest du womöglich schon in diesem Auftragsbuch eine gute Antwort.
Die Basisdaten zuerst. Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um 11 % auf 20,06 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn lag bei 1,8 Milliarden Dollar bzw. 7,94 Dollar je Aktie. Der operative Cashflow sprang von 201 Millionen auf 3,2 Milliarden Dollar, der Free Cashflow von -150 Millionen auf +2,9 Milliarden. Free Cashflow ist das, was nach Investitionen wirklich übrig bleibt. Das Management hob daraufhin die Jahresprognose an: 79,75 bis 81,75 Milliarden Dollar Umsatz.
Aber Achtung: Im Vorjahresquartal hatte Lockheed 1,6 Milliarden Dollar an Programmverlusten verbucht: 950 Millionen auf ein geheimes Luftfahrtprogramm, 570 Millionen auf das kanadische Marinehubschrauber-Programm, 95 Millionen auf ein türkisches Hubschrauberprojekt. Diese sogenannten Reach-forward-Verluste, also die vorweggenommene Abschreibung aller erwarteten Verluste eines Vertrags auf einen Schlag, fehlen dieses Jahr. Der Gewinnsprung von 342 Millionen auf 1,8 Milliarden Dollar ist deshalb zu einem großen Teil reine Rechenoptik. Der Finanzvorstand nennt selbst die Zahl, die zählt: bereinigt lag das Wachstum bei 7 %.
Der Auftragsbestand dagegen sieht recht gut aus. Book-to-Bill lag bei 3,2. Der Konzern hat also für jeden abgerechneten Dollar 3,20 Dollar an neuen Aufträgen hereingeholt. Allein 65 Milliarden Dollar kamen im Quartal dazu. Zum Vergleich: Northrop Grumman meldete im selben Zeitraum einen Rekordbestand von 105 Milliarden Dollar bei einem Quartals-Book-to-Bill von 1,84. Lockheed spielt also in einer eigenen Liga, und das liegt an einem einzigen Vertrag.
Am 24. Juni erhielt Lockheed den größten Raketenabwehr-Auftrag seiner Geschichte: bis zu 35,3 Milliarden Dollar für THAAD-Abfangraketen, laufend von März 2026 bis Juni 2032. THAAD steht für Terminal High Altitude Area Defense und fängt ballistische Raketen in großer Höhe ab. Die Jahresproduktion soll von 96 auf rund 400 Stück steigen. Ein einzelner Abfangkörper kostet in der Herstellung über 12 Millionen Dollar. Der Grund für die Eile: Die US-Bestände sind nach dem Iran-Einsatz merklich geschrumpft.
Und hier kommt der Haken, den kaum ein Analyst bislang erwähnt hat. Es handelt sich um eine „undefinitized contract action“, also um einen Vertrag, bei dem die Arbeit sofort beginnt, der endgültige Preis aber erst später verhandelt wird. Die 35 Milliarden sind eine Obergrenze, kein Scheck. Zum Zeitpunkt der Unterschrift waren 842,9 Millionen Dollar tatsächlich gebunden. Wenn du irgendwo liest, diese Umsätze seien „vertraglich gesichert“, dann ist das die Marketingversion. Die Buchhaltungsversion lautet: sehr wahrscheinlich, aber noch nicht ausverhandelt.
Trotzdem verändert der Deal die Struktur des Konzerns. Der Auftragsbestand des Segments Missiles & Fire Control stieg von 46,7 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025 auf 87,9 Milliarden. Der Umsatz des Segments legte um 19 % auf 4,10 Milliarden Dollar zu, der operative Gewinn um 24 % auf 594 Millionen. Die Marge verbesserte sich von 14 auf 14,5 %. Das ist die Zahl, auf die es ankommt: Der Gewinn wächst schneller als der Umsatz, der Hochlauf frisst die Marge also bislang nicht auf.
Im größten Segment sieht das Bild anders aus, als die Überschriften vermuten lassen. Aeronautics steigerte den Umsatz um 9 % auf 8,11 Milliarden Dollar. Ausgeliefert wurden im Quartal aber nur 19 F-35 (nach 50 im Vorjahresquartal). Wie passt das zusammen? Lockheed bilanziert Großverträge nach Fertigstellungsgrad: Umsatz entsteht mit dem Baufortschritt, nicht mit der Übergabe des Jets. 2025 war zudem ein Ausreißerjahr, weil ein aufgestauter Rückstand aus der verzögerten TR-3-Software abgearbeitet wurde und 191 Maschinen rausgingen. Seit Programmstart wurden 1.344 F-35 geliefert, im Auftragsbuch stehen 317 weitere.
Die anderen beiden Segmente: Rotary & Mission Systems wuchs um 9 % auf 4,35 Milliarden Dollar und schrieb 437 Millionen operativen Gewinn, nach einem Verlust von 172 Millionen im Vorjahr. Space kam auf 3,50 Milliarden Dollar Umsatz (+6 %), aber nur 2 % Gewinnplus. Bezeichnend: Lockheed hob die Umsatzprognose für Space an und senkte gleichzeitig die Gewinnprognose auf 1,34 bis 1,38 Milliarden Dollar. Also mehr Geschäft, weniger Marge.
Schuld daran ist unter anderem ein Joint Venture, an dem Lockheed die Hälfte hält. Die Rakete Vulcan der United Launch Alliance steht seit einer Booster-Anomalie im Februar am Boden. Geplant waren 18 bis 22 Starts für 2026. Lockheed hat im zweiten Quartal Kredite der ULA über bis zu 500 Millionen Dollar garantiert und dafür eine Verpflichtung von 64 Millionen Dollar eingebucht. Anfang August suchte die ULA rund 500 Millionen Dollar am privaten Anleihemarkt. Das ist die Sorte Kleingedrucktes, die in Jubelmeldungen selten auftaucht.
Peers
🔍 Eine Ebene tiefer wird es interessant
Am selben Tag, an dem Lockheed Martin den größten Raketenauftrag seiner Geschichte bekam, wurde ein zweites Unternehmen still und heimlich zum Gewinner. Denn wer die THAAD-Produktion von 96 auf 400 Stück im Jahr hochfahren will, braucht vor allem eines: Feststofftriebwerke. Und die baut Lockheed nicht selbst. Wir haben uns angesehen, wer in dieser Lieferkette die stärkste Position hat und dabei ein Unternehmen gefunden, in das sich das US-Verteidigungsministerium direkt eingekauft hat.
Ein Feststofftriebwerk ist der Antriebsblock einer Rakete, gegossen aus festem Treibstoff. In den USA bauen ihn im großen Stil nur zwei Konzerne. Einer davon ist L3Harris, seit dem Kauf von Aerojet Rocketdyne im Jahr 2023.
Genau dieses Geschäft hat im zweiten Quartal einen Rahmenvertrag mit Lockheed über 12 Milliarden Dollar für THAAD- und PAC-3-Antriebe gewonnen. Der Auftragsbestand von L3Harris kletterte damit auf 42 Milliarden Dollar. Die Jahresprognose stieg auf 23,2 bis 23,7 Milliarden Dollar Umsatz und 11,80 bis 12 Dollar Gewinn je Aktie.
Der Vorstandschef beschrieb die Wende im letzten Analysten-Call recht drastisch: Die Auslieferungen liegen 60 % über dem Niveau zum Zeitpunkt der Übernahme, 60 neue Gebäude entstehen gerade. Allein in Virginia investiert der Konzern 1,3 Milliarden Dollar in neue Antriebsfertigung. Dazu kam im April eine Milliarde Dollar direkt vom Verteidigungsministerium, wandelbar in Aktien.
Diese Rechnung geht aber nicht reibungslos auf. Der geplante Börsengang der Raketensparte wurde wegen des Marktumfelds auf Mitte 2027 verschoben. Wer hier investiert, kauft also eher einen laufenden Umbau.
Northrop Grumman konkurriert mit Lockheed um fast jeden großen Auftrag und liefert trotzdem den Mittelrumpf jeder F-35. Seit diesem Jahr kommt eine zweite Rolle dazu. Über einen Rahmenvertrag im Wert von 2 Milliarden Dollar steigt Northrop ebenfalls in die PAC-3-Antriebe ein.
Für Lockheed ist das eine Absicherung gegen Lieferausfälle. Deine Chance: Der Engpass löst sich langsam auf, und damit sinkt die Preismacht des einzelnen Zulieferers.
Northrops Zahlen zeigen beide Seiten der Medaille. Der Auftragsbestand erreichte im zweiten Quartal mit 104,7 Milliarden Dollar einen Rekord, der Umsatz stieg um 5 % auf 10,9 Milliarden. Der bereinigte Gewinn je Aktie fiel dagegen um 5,8 % auf 7,68 Dollar, belastet durch Kostenkorrekturen bei zwei Programmen. Eines davon ist jener Booster, der die Vulcan-Rakete seit Februar am Boden hält.
Bei RTX fasziniert weniger der Verkauf als das, was danach kommt. Die Tochter Pratt & Whitney hat mehr als 1.500 F135-Triebwerke ausgeliefert, an 20 verbündete Nationen. Jede F-35, die Lockheed baut, fliegt mit diesem Antrieb.
Diese installierte Basis wirft dauerhaft Geld ab. Ende Juli kam ein Ersatzteilvertrag über knapp 1,3 Milliarden Dollar dazu, nach 1,6 Milliarden im Dezember. Das Wartungsnetz bedient 42 Stützpunkte und 13 Schiffe. Solche Erträge hängen nicht davon ab, ob im nächsten Haushalt 85 oder 110 Jets bestellt werden.
RTX wächst dabei schneller als Lockheed. Im zweiten Quartal legte der Umsatz um 14 % auf 24,7 Milliarden Dollar zu, der bereinigte Gewinn je Aktie um 21 % auf 1,89 Dollar. Gleichzeitig steckt im Konzern ein großes Zivilgeschäft, das eigenen Zyklen folgt.
Am weitesten von der Politik entfernt sitzt Howmet Aerospace. Der Konzern gießt Turbinenschaufeln und fertigt Verbindungselemente für Flugzeuge, also Nieten und Schrauben in Luftfahrtqualität. Bei Schaufeln für Industriegasturbinen hält er nach eigenen Angaben über 50 % Marktanteil.
Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 24 %, organisch um 21 %. Die bereinigte EBITDA-Marge, also der operative Gewinn vor Abschreibungen im Verhältnis zum Umsatz, verbesserte sich um 3,4 Punkte auf 32,1 %. Das sind Margen, von denen Lockheed mit rund 12 % nur träumen kann.
Merke: Der Rüstungsboom verteilt sich ungleich. Lockheed liefert das System, aber der Flaschenhals sitzt beim Antrieb – und dort baut der Staat gerade selbst Kapazität mit auf. Wer über Lockheed nachdenkt, sollte mindestens eine Ebene tiefer schauen.
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