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manchmal hilft es, den Kalender weiter zurückzublättern, als man eigentlich vorhatte. Wir haben uns diese Woche ein Jahr angeschaut, das kaum jemand auf dem Zettel hat. Kein Internet, keine Trading-Apps, keine Chips. Und trotzdem eine Börse, die sich verblüffend vertraut anfühlt.
Was damals passierte, lässt sich in Zahlen fassen, die du dir merken solltest. Viel Vergnügen beim Lesen.
Rückblick
🎰 Vergiss Dotcom 1999! Das Jahr, das du kennen solltest, ist 1901
Wenn heute jemand vor Übermut an der Börse warnt, fällt fast reflexartig die Zahl 1999. Wenn du aber noch länger zurückschaust, wird die Sache noch etwas unangenehmer: 1901. Damals gab es keine Apps, keine Chips und kein Internet. Die Mechanik des Rausches war trotzdem exakt dieselbe.
Fang vielleicht am besten bei der Umschlagshäufigkeit an, also dem Verhältnis von Handelsvolumen zu Börsenwert. An der New Yorker Börse lag sie 1901 bei 319 %. Rechnerisch wechselte der komplette Markt alle 16 Wochen den Besitzer. Diesen Rekord überbot über 100 Jahre lang niemand.
Heute erledigen das die 0DTE-Optionen (Zero Days to Expiration), also Kontrakte, die noch am selben Handelstag verfallen. Im zweiten Quartal 2026 wurden davon auf den S&P 500 im Schnitt 3,1 Millionen Stück täglich gehandelt, im Juni waren es 3,3 Millionen. Im Februar entfielen bereits 63 % des gesamten S&P-500-Optionshandels auf Tagesverfall. Über alle Basiswerte hinweg meldet die Terminbörse Cboe mehr als 20 Millionen dieser Kontrakte pro Tag, ein Zuwachs von 46,2 % seit Jahresanfang. Der gesamte US-Optionshandel erreichte im Quartal 72,8 Millionen Kontrakte täglich. So viel wie nie.
Das Ventil von 1901 hieß „Bucket Shop“. Dort wettetest du ausschließlich darauf, ob der nächste Kurs von U.S. Leather oder American Cotton Oil höher oder tiefer liegt. Gekauft wurde nichts, geliefert nie. Der Marktführer Haight & Freese bewarb seinen „Guide to Investors“ ausdrücklich als Angebot für die Millionen vielbeschäftigter Menschen. 10 Dollar Einsatz reichten, gehebelt teils dreißigfach.
Der Grund für den Zulauf war schlicht Ausgrenzung. Reguläre Wall-Street-Broker nahmen nur 100-Stück-Orders an, was schnell mehrere Tausend Dollar bedeutete. 1912 handelten überhaupt nur rund 60.000 Menschen an der New Yorker Börse, und noch 1916 akzeptierten von 600 Brokern gerade einmal 80 kleinere Stückzahlen. Wer dabei sein wollte, ging in den Wettladen.
Das moderne Gegenstück dazu? Es sind wohl die Prognosemärkte, also Börsen für binäre Ereigniswetten, setzten im Juni 2026 in einem einzigen Monat 44,8 Milliarden Dollar um: Kalshi 31,5 Milliarden, Polymarket 10,8 Milliarden. Alle legalen US-Sportwettanbieter zusammen kamen 2025 im Schnitt auf rund 14 Milliarden monatlich. Kalshi wird inzwischen mit 22 Milliarden Dollar bewertet, Polymarket sammelt bei 15 Milliarden frisches Kapital ein. 600 Millionen davon kommen ausgerechnet von ICE, der Muttergesellschaft der New York Stock Exchange.
Bleibt der Hebel. 1901 nahmen Spekulanten Kredit auf und multiplizierten ihren Einsatz zehnfach oder mehr. 2026 erledigen das gehebelte ETFs, also Fonds, die die Tagesbewegung eines Index oder einer Einzelaktie verdoppeln oder verdreifachen. In ihnen stecken rund 198 Milliarden Dollar, täglich werden 39 bis 45 Milliarden umgeschlagen. Bis Mitte August kamen 244 neue solcher Fonds auf den Markt, mehr als im gesamten Vorjahr.
Doch das durchschnittliche Fondsvolumen fiel von 272 Millionen Dollar Ende 2024 auf 63 Millionen, die Hälfte aller Produkte verwaltet weniger als 7 Millionen. 2026 wurden 63 gehebelte Einzelaktien-ETFs geschlossen, nach genau drei im Jahr davor. Das Angebot wächst schneller als das Geld, das es sucht.
Lehren ziehen
⏳ Vom Rausch zum Kater
Warum war das Jahr 1901 so einprägsam? Am 9. Mai kämpften Edward Harriman auf der einen und James J. Hill mit J. P. Morgan auf der anderen Seite um die Kontrolle der Eisenbahn Northern Pacific. Beide kauften so viel, dass praktisch keine freien Stücke mehr existierten. Leerverkäufer, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, konnten nicht liefern.
Die Folge: Die Aktie sprang in gerade einmal 17 Handelsstunden von 110 auf 1.000 Dollar. Um das Geld für die Nachkäufe aufzutreiben, warfen Spekulanten alles andere auf den Markt. Der Rest der Börse brach ein. Es war der erste CRash in der Geschichte der New York Stock Exchange. Und er ereignete sich mitten im Boomjahr.
Deshalb lohnt ein nüchterner Blick auf die Kurse. Auf Basis des Dow Jones verlor der Markt 1901 rund 8,7 %, 1902 weitere 0,4 % und 1903 satte 23,6 %. Danach kamen 1904 mit 41,7 und 1905 mit 38,2 % zwei Ausnahmejahre, 1906 endete leicht negativ.
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Das Symbol des Booms war U.S. Steel. Am 26. Februar 1901 gegründet, mit 1,4 Milliarden Dollar kapitalisiert, erstes Milliarden-Unternehmen der Welt. Bei einem US-Bruttoinlandsprodukt von rund 20 Milliarden entsprach das etwa 7 % der Jahreswirtschaftsleistung eines ganzen Landes.
Was danach geschah? Die Stammaktie fiel von rund 50 Dollar bei Emission auf unter 10 Dollar im Jahr 1904. Das sind gut 80 % Verlust. Die Marke von 100 Dollar erreichte das Papier erst 1916, 15 Jahre nach dem Start.
Das heutige Pendant dazu ist womöglich SpaceX, seit dem 12. Juni 2026 an der Nasdaq, zu 135 Dollar platziert, bewertet mit rund 1,77 Billionen Dollar. Bei einem US-BIP von 32,49 Billionen sind das etwa 5,4 %. Gemessen an der Volkswirtschaft also weniger als U.S. Steel damals. Umsatz 2025: 18,67 Milliarden Dollar bei 4,94 Milliarden Verlust.
Der große Kater kam 1907 und wieder war es eine Spekulation, die sich gegen ihre Erfinder drehte. Otto Heinze trieb ab dem 14. Oktober die Aktie von United Copper von 39 auf 60 Dollar hoch. Binnen zwei Tagen scheiterte der Plan, der Kurs fiel auf 10. Es folgten Bank Runs auf alle Institute, die mit den Beteiligten in Verbindung standen. Am 22. Oktober schloss die Knickerbocker Trust Company, New Yorks drittgrößter Trust.
Trusts waren die Schattenbanken ihrer Zeit: Sie durften Einlagen annehmen, gehörten aber keiner Clearingstelle an und bekamen deshalb keine Nothilfe. J. P. Morgan sammelte persönlich Geld ein und stützte das System. Der Dow beendete das Jahr 1907 mit einem Minus von 37,7 %, vom Hoch aus waren es fast 50. Sechs Jahre später entstand daraus die Federal Reserve.
Und wo stehen wir heute? Das Shiller-KGV, also das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der inflationsbereinigten Gewinne von 10 Jahren, liegt bei fast 42. In 145 Jahren Datenhistorie war es nur ein einziges Mal höher, nämlich Ende 1999. Der Buffett-Indikator, der Börsenwert und Wirtschaftsleistung ins Verhältnis setzt, steht bei über 240 %. Das bedeutet Allzeithoch.
Wie hältst du es jetzt mit deinen Investments? Denk daran: Geldanlage ist Chefsache, nämlich deine eigene. Wir können dir immer nur die Grundlagen für deine Entscheidungen liefern.
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